Selbstverständlich sind wir alle – auch ich zähle mich ein bißchen dazu – Helden der Landstraße. Was im Wesentlichen bedeutet, daß wir dort selbst mit unterlegenem Material den anderen Jungs zeigen, wo der Hammer hängt. Wir bremsen spät und stürzen uns in gewaltige Schräglagen. Wenn es sein muß, wissen wir auch schonmal wo die Kampflinie ist. Am Ende jeder Tour wird der Hinterradreifen auf etwaige Angststreifen untersucht. Zarte Gummiwürste an den Kanten machen den Tag perfekt.

Vor einiger Zeit aber hat ein neues Mitglied unserer Männergruppe etwas Ungeheuerliches gesagt: Er würde am liebsten so richtig schnell auf der Autobahn geradeaus fahren. Ähnlich entsetzte Gesichter und betretenes Schweigen habe ich zuletzt erlebt, als ich mir in politisch sehr korrekter Runde den Spaß erlaubt habe, auf die Frage nach meinem Lieblingsfilm „Fette Nonnen, naß rasiert, Teil 2“ zu antworten.

Gestern war ich mit Axels ZZR 1200 auf der Autobahn. Wir hatten sie im letzten Jahr getunt und vor kurzem war die Kopfdichtung undicht geworden. Nach der Reparatur habe ich eine längere Probefahrt gemacht. Mit solch einem 170 PS Geschoss ist es selbst auf norddeutschen Landstraßen schwierig, den Motor voll zu fordern. Also ab auf die dreispurige A1. Es war Sonntagvormittag und nicht besonders warm, aber die Fahrbahn war trocken und es herrschte kaum Verkehr. Nach kurzer Zeit hatte der Motor seine Betriebstemperatur erreicht. Ich zog rüber nach ganz links, wo sich gerade zwei TDIs balgten. Nachdem ich mir das Treiben eine Weile aus sicherer Entfernung angesehen hatte, bin ich etwas dichter aufgefahren. Die Streithähne zogen brav nach rechts. Das klappte also schonmal.

Ich blieb im sechsten Gang, machte mich klein und drehte den Hahn auf. Obwohl 200 auf dem Tacho standen, schob die ZZR stramm vorwärts und ein paar Sekunden später waren wir in einer anderen Dimension. Um uns tobte ein fürchterlicher Orkan, während hinter der Verkleidung eine unnatürliche Windstille und Ruhe herrschten. Das Wilbers Fahrwerk hatte sich auf dem Asphalt festgesaugt und der Motor summte vor sich hin. Gleichzeitig raste die Straße mit irrwitziger Geschwindigkeit unter uns durch. Dann erschienen in der Ferne ein paar kleine Autos, die sehr schnell größer wurden. Runter vom Gas. Die ZZR wurde sofort langsamer und ich richtete mich etwas zu früh auf. Als der Fahrtwind versuchte, mir den Kopf abzureißen, war ich wieder zurück in der Realität. Zumindest teilweise, denn in meiner Blutbahn zirkulierten jetzt Unmengen harter körpereigener Drogen.

Wir haben dieses Spielchen anschließend noch einige Male wiederholt und jedesmal konnte ich es mehr genießen. Irgendwann war es einfach nur noch geil, mit mehr als 300 auf dem Tacho über die Bahn zu bügeln, Selbst die Autos, die ab und zu die linke Spur blockierten, machten Spaß. Mal eben auf gemütliche 180 runter, den Schalthebel zweimal durchgetreten und in dem Augenblick, in dem ich den Hahn wieder aufmachen konnte, wurde alles neben uns nach hinten weggerissen. Nach einer Stunde war ich fix und fertig. Die Zigarette danach, mit zittrigen Fingern gedreht, hat schon lange nicht mehr so gut geschmeckt.

Mein Vorschlag: Landstraßensurfen, Kurvenswingen, schrappelnde Knieschleifer – alles wirklich toll. Aber wie wär´s mal wieder mit einem richtigen Kick? Entdecke die Speedsau in dir.  Noch gibt es Autobahnabschnitte ohne Tempolimit. Selbst der letzte Hinterwäldler Ami weiß, daß man bei den merkwürdigen Krauts so schnell fahren kann, wie man möchte. Derselbe Typ glaubt wahrscheinlich auch, daß wir den ganzen Tag mit Stahlhelmen rumlaufen und in Erdlöchern wohnen. Egal. Japanische Reisebüros bieten Kurztrips nach Deutschland an, bei denen es um nichts anderes geht, als mit dicken Maschinen auf unendlich langen Geraden Vollgas zu fahren. Die Jungs fliegen dafür um die halbe Erde. Du hast so etwas vor der Haustür. Ab 2010 bestimmt die EU. Dann ist es für alle Zeiten vorbei mit dem Wahnsinn.

Was wirst du deinen Enkeln sagen, wenn sie dich fragen? Daß ihr Opa sein Leben lang ein langweiliger alter Sack war?

Und am Sonntag nachmittag vor der ewiggleichen Eisdiele solltest du den ewiggleichen Typen stolz deinen eckig gefahrenen Hinterradreifen präsentieren: „Heute morgen um sechs aufgestanden und die Karre 200 Kilometer wie ein Gestörter über die Bahn geprügelt, ihr Luschen.“ Ganz heimlich werden sie dich bewundern.

Ulf Penner ist der Autor der Tuning-Fibel

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