Es wird Winter
von Hajo

Unaufhaltsam bricht die vierte Jahreszeit herein: Die Tage werden kürzer, die Nächte in der Garage kälter. Die kleine Spaltmaschine steht mehr oder weniger gestrippt auf der Hebebühne und wartet auf Zückerchen aus den umliegenden Tuner-Tempeln. Eine vierzylindrige Boden-Boden-Rakete ist wie eine schöne Frau, und es findet sich immer wieder ein Accessoire, dass sie noch schöner macht.

Jedes neue Teil wird zunächst liebevoll ausgepackt, begutachtet und der unwissenden Familie vorgeführt. Obwohl du von der eigenen Frau eher wie ein kleiner Junge gemustert wirst, der gerade eine neue Carrerabahn bekommen hat, nimmst du das neue Teil für eine Nacht mit ans Bett.

Kurz vor dem Einschlafen schaust du ob es noch brav auf dem Nachttisch liegt, und freust dich auf den nächsten Tag, wenn du es vorsichtig einbaust.

Du streichelst deiner Kleinen liebevoll über die geschmeidigen Hüften und erfreust dich am Anblick jedes einzelnen Details. Schnell ist ein kleiner Lappen zur Hand, um die geliebte Mopette von diversen, netzhautreizenden Flecken und Aufzündresten zu befreien. Ein kleines Lächeln macht sich breit und du beschließt, genau jetzt ein schönes Bier (oder ein Korea) zu trinken. Der Blick streift über die aus dem Vollen gefräste Fußrastenanlage, die herrlich zusammengeschweißte Schwinge, die kunstvoll verlegten und wunderschön angelaufenen Krümmer oder die golden beschichteten Gabelholme.

Schließlich besteigst du die Kleine, lässt die Hände gefühlvoll über den Tank bis an die Alu-Stummel gleiten, ziehst die Füße auf die Rasten, und rutscht automatisch in eine geduckte Haltung. Kampfspuren an Rasten, Auspuff und Verkleidungsteilen drängen ins Bild. Die dazugehörigen Geschichten erscheinen urplötzlich vor deinem geistigen Auge, als ob sie gerade eben passiert wären.

Den Blick voraus auf die Garagenwand, die allmählich immer verschwommener scheint. Dann die Überblendung, und dann taucht der Eingang der Bergauf-Schikane von Brünn direkt vor deiner Nase auf. Plötzlich mächtiger Fahrtwind. Und im Kopf flüstert es: „Komm schon, zieh das Gas auf und geh nach innen, damit rechnet er nicht. Auf der Bremse bist du stärker als er. Du kannst ihn dir schnappen, hier und jetzt.” Endlich geht er nach außen. „Da ist die Lücke, jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Bleib am Gas, er wird dort früh bremsen, wie in den Runden zuvor.“

Jetzt kommt der entscheidende Moment, die Millisekunden, die es braucht, um neben ihm zu sein. Es gibt kein Zurück, und du leitest mit entschlossenem Griff an den rechten Hebel die brutale Vernichtung von Energie ein. Der Vorderbau bückt sich wie ein Kellner im Chinarestaurant, die Bremsscheiben winden sich vor Hitze, aber du lässt den Hebel nicht los.

Immer mehr reißt es dich nach vorn, du stützt dich verzweifelt ab. Das Heck steigt und tänzelt, doch du bleibst auf der Bremse. Jetzt sieht er dich und weiß, dass er seine angepeilte Linie nicht mehr fahren kann. Du erreichst den Einlenk-Punkt, aber der Speed ist immer noch abartig. „Egal, leg um, jetzt! Die Bremse! Lass die Bremse los, das packt der Pirelli nicht, das geht nicht gut, geht nicht gut.“
Jetzt muss der andere zeigen, was er kann. Der Vorbau fliegt über die Wellen im Asphalt, die Schräglage wird größer und größer: „Bleib locker, nur keinen falschen Impuls jetzt, etwas Zug am Hinterrad entlastet den vorderen Gummi, locker, sei bloß locker!“

Gut, dass es hier so breit ist. Niemand mehr zu sehen. Außen ist jetzt so viel Platz, dass eine 747 vorbeigehen könnte. Da taucht er plötzlich auf und zeigt sein Vorderrad.

„Ruhig Blut, du bist innen für die Rechts. Lass sie reinlaufen! Ja!! So sieht es gut aus!“ Der feindliche Kotflügel verschwindet aus dem Blickfeld. „Jetzt peil die äußeren Curbs an, lass die Kleine ganz nach außen treiben, nur nicht zu früh das Gas anlegen, sonst stehst du quer. Jetzt, jetzt könnte es gehen, die Drosselklappen auf, mehr, immer mehr. Richte sie auf, Vollgas!“

Der Anstieg ist steil, aber der Bigblock schiebt dich mit aller Macht hinauf, niemand kann dich jetzt noch aufhalten. Die Links kommt näher, du ziehst nach Innen: Kampflinie! Keine Chance für ihn. Du hörst ihn hinter dir, sein Bolide klingt böse. Er hat noch nicht aufgegeben, will dir zeigen, dass er dich kriegen kann. „Brems nicht, noch nicht.“

Der Bremspunkt fliegt vorbei und wirft dir eine Einladung ins Kiesbett zu. Schlagartig greifst du in die Bremse, lässt deine Kleine mit wimmernden Reifen in die Ecke fliegen. Wo ist der andere? Egal, jetzt knallst du die Tür zu, das Knie streichelt kurz den Asphalt und du legst um in die Rechts hinaus auf Start/Ziel. Mit Gefühl beschleunigen. Die Ziellinie erscheint am Horizont, und der Fahnenmann lauert darauf, die Schwarz-Weiß-Karierte nur für dich zu schwenken.

Unter dir schreit derweil deine Kleine garstig und mit ausgefahrenen Krallen. Es ist fast wie Sex, wild und hemmungslos. Du dringst tief in sie ein und versuchst sie zu spüren. Nur so bist du eins mit ihr und kannst sie zu Höchstleistungen treiben. Sie mag es, sie spielt mit dir. Doch wenn du jetzt einen Fehler machst war alles umsonst. Die Rechts verträgt frühes Gasaufziehen, früher als man denkt, aber Vorsicht: Kommst du zu früh und gibst ihr mit dem Gasgriff alles was du hast, wird sie sich abwenden und sich beleidigt quer stellen. Ziehst du zu spät an der Rolle, wirst du hergebrannt wie eine schwuchtelige Nacktschnecke im Spätherbst.

Du musst ihr vertrauen, musst fühlen, wie ihr Fahrwerk reagiert. Zum Glück hält die Beziehung nun schon ein ganzes Jahr. Noch nie gab es einen großen Streit zwischen euch. Nie hat sie ein Abenteuer im Kiesbett gesucht, und hat dir bisher alle gemachten Fehler verziehen. Sie mag es, wenn man das Gas gefühlvoll aufzieht. Brutales Gezerre schätzt sie überhaupt nicht. Sie ist keine ordinäre Hubraumquanze, sondern eine grazile Schönheit mit großem Herz. Also ziehst du das Gas langsam auf und hältst sie an den Stummeln locker zwischen deinen Händen.

Du merkst, wie sie unruhig wird, der Vorderbau tänzelt über den Asphalt, sie will sich aufbäumen, aber du darfst es nicht zulassen, nicht jetzt. Du beugst dich etwas weiter nach vorn, drückst sie an Ihren Aluminiumschultern mit viel Gefühl zurück. Sei sanft, erschrecke sie nicht. Du drückst sie möglichst weit in die Waagerechte, während du schwitzend neben ihr hängst. So bekommt sie mehr Grip am Hinterrad.

Dann streifst du die Curbs, was sie richtig wild macht, aber du hast die Drosselklappen längst am Anschlag, gibst ihr jetzt alles, was du hast, und beobachtest zitternd ihren Drehzahlmesser. Die Nadel sprintet schneller über die Skala als dir lieb ist, und dein Schatz brennt vor Freude einen fetten schwarzen Strich in den Asphalt. Sie brüllt dich infernalisch durch ihre Micron-Tüte an, will mehr und schreit ihr Verlangen durch das offene Brüllrohr in die Welt.

Keine Rücksicht auf die Ohren der Zaungäste, und ihre Krümmer glühen. Du gibst ihr mehr und zündest eine neue Stufe im Getriebe. Ganz kurz nur lupfst du das Gas, drückst die Zahnräder gefühlvoll in eine neue Stellung und gibst ihr erneut die Sporen. Du schreist sie an, der Schweiß der letzten sieben Runden rinnt dir in die Augen, deine Atmung geht schwer, das Visier beschlägt, aber du kümmerst dich nicht darum. Du beugst dich weiter nach vorn, machst dich ganz leicht und schmiegst dich an ihren voluminösen Tank.

Jetzt liegt es an ihr zu entscheiden, ob du ein würdiger Aufzünder bist, du hast ihr alles gegeben, was in deiner Macht steht. Die Ziellinie ist jetzt ganz nah, nur noch wenige Meter. Du spürst, wie sie es genießt. Die Nadel im Drehzahlmesser schnellt erneut in schwindelerregende Höhen, durch ihre riesigen Ram-Air-Kanäle lacht die Kleine dich an. Du siehst den Fahnenschwenker nun direkt vor dir. Die Schweißperlen unter dem schwarzen Kleid und dem getönten Visier sieht er nicht.

Er hat keine Ahnung von dem was gerade passiert. „KOMM SCHON, SCHWENK DIE VERDAMMTE FAHNE“ brüllt ihr ihn stumm an, und wartet darauf, dass endlich Bewegung in seine Arme kommt. Dann endlich schießt ihr über die Ziellinie, und die Schwarz-Weiß-Karierte fällt. Diesmal bist du vorn, keine Chance für deinen Verfolger. Was für ein Gefühl! Alle Spannung fällt von dir ab. Du lässt die Kleine los und schreist deine Freude in den Helm. Das Chaos in deinem Kopf beginnt sich aufzulösen. Unter dir dampft deine Kleine. Auch sie beruhigt sich langsam wieder. Zärtlich streichelst du ihren Tank und berührst ihre heißen Aluminiumprofile.

Ihr lächelt euch an und wisst, dass dieser Ritt etwas ganz Besonderes war. Du saugst gierig ihren Geruch auf. Sie duftet herrlich nach verbranntem Benzin und heißem Gummi. Was für ein Augenblick. Der andere fällt dir ein, dein Verfolger, der Gewinner vom letzten Jahr. Wahnsinn. Du hast gerade den letztjährigen ProSpeed-Laufsieger hergebrannt! Du musst total bekloppt sein. Schräg hinter dir rollt er, und du bildest dir ein, dass du durch sein getöntes Visier ein Lächeln siehst. Du lässt dich zurückfallen und streckst ihm deine rechte Flosse entgegen.

Er reicht dir seine in dickes Leder gehüllte Linke und du schlägst erfreut ein. Ein Zeichen, dass er dich respektiert und deine Aktion für würdig befindet. Egal, um welchen Platz es hier eigentlich ging, es ist der schönste Moment, den es gibt. Du zeigst „Daumen hoch“ um den Respekt zu erwidern.

Du hast noch nicht die Erfahrung, die ihn auszeichnet, und hoffst, dass er es nicht als völlig albern ansieht, wenn du Grünschnabel ihm deinen von Lederfett triefenden und durch Gummi geschwärzten Daumen entgegenstreckst. Umso schöner ist es, wenn er dein Zeichen erwidert. Wahnsinn, total irre, man könnte Platzen vor Freude. Bitte lieber Aufzündgott, lass diese Auslaufrunde nie zu Ende gehen… .

Aber was ist das? Ein böses Klappern dringt aus dem Motor, du versuchst, es zu überhören, aber es bleibt da – tock, tock, tock, immer wieder.

Leichte Panik streichelt dein Genick, und du schaust dich um. Das Garagentor materialisiert, wird allmählich deutlich, und wieder hörst du das Klopfen. „Hajo? Kannst du nicht schlafen?“

Und dann darfst du Großmutter erklären, was um Himmels willen du nachts um Eins in der kalten Garage machst: „Och, ich…“ Deine Erklärungen würde sie sowieso nicht verstehen. Mit einem leisen sehnsüchtigen Seufzer wirfst du einen letzten Blick auf deine Kleine, schließt das Tor und löscht das Licht.

Text von Hajo Ammermann aus: Gaskrank – Geschichten aus der Kurve
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