© eVisor

Geiles Mopedwetter! Den Verfasser dieser Zeilen hält es mehr nicht auf dem heimeligen Sofa.  Weil die schnelle SPS streikt, wird zur Alternative gegriffen.

Streetsurfen mit einer 600er Monster ist immer noch besser als gar nicht zu fahren! Kurz entschlossen wird sich in die Kampfmontur gezwängt, und das Visier vom letzten Mückendreck gereinigt!

Geplant sind ein paar gemütliche Runden über die Hausstrecke  das legendäre Wispertal, von Insidern auch einfach nur „Tal“ genannt.

An der Tanke wird kurz der Luftdruck überprüft, und ein bisschen Drückelchen abgelassen. Man weiß ja nie, was so alles passiert. Nachdem der Tank gefüllt ist, kann es losgehen. Die ersten Kehren gehen gut, die Monster prahlt zwar nicht mit übermäßig Leistung, aber man will ja eigentlich auch nur ein bisschen Blumen pflücken.

Kurze Rückblende. Mainz 16:30 Uhr:
Ein dem Verfasser bis dato unbekannter Kuh-Treiber macht sich ohne böse Absichten bereit, von Mainz aus seine abendliche Runde mit dem Moped zu drehen. Er plant eine flüssig zu fahrende Strecke, die ihn über Wiesbaden und Bad Schwalbach in das Wispertal führen wird. Noch ahnt niemand die sich nun anbahnende Tragödie.

Lorch/Rhein, 17:30:
Der Verfasser dieser Zeilen hat sich inzwischen locker eingewedelt, und wie zur Selbstbestätigung signiert er mit ein paar Schleifspuren den Asphalt. Hie und da streift das Knie sanft über das Teergemisch. Langsam und stetig wird die Performance erhöht.

Zur gleichen Zeit. Mainz/Bad Schwalbach 17:30:
Der unbekannte Kuh-Treiber verlässt gut gelaunt die Bundesstraße Richtung Bad Schwalbach, setzt den Blinker links, und befährt beschwingt die Querspange, die ihn zum hinteren Ende des „Tals“ führen wird. Kurzfristig plant er, das „Tal“ nicht in Richtung Lorch zu befahren, sondern sich den Spaß zu gönnen, der Wisper auf verwinkelter Straße in Richtung Bad Schwalbach zu folgen.

Lorch/Rhein, 17:45 Uhr:
Der Verfasser fliegt auf der letzten Rille durch die Rechts-Links-Kombination, um an der Abfahrt „Dörscheid“ die Monster zu drehen und den Heimweg einzuschlagen. Die Monster reißt mit Auspuff und Rasten den Asphalt auf, die Knieschleifer werden malträtiert – kurz: Der Verfasser bewegt sich auf der allerletzten Rille! Der  Missionsparameter „Blümchen pflücken“ wurde in Richtung „Monster im Tiefflug“ korrigiert.

Noch kürzere Rückblende.  Mainz/Lorch, 17:43:
Der Kuh-Treiber erreicht die Abfahrt „Dörscheid“ und sieht einen völlig Gestörten auf einer Ducati Monster mit reichlich Speed, aber korrekt aber korrekt gesetztem Fahrtrichtungsanzeiger aus der Kurvenkombination geflogen kommen.

Mainz/Lorch,  17:48:
Durch leichtes Kopfnicken grüßen sich die beiden Motorradfahrer. Ein leichtes Blitzen in den Augen des Kuh-Treibers, lässt den Verfasser zu einem für ihn verhängnisvollen Schluss kommen:
Der will´s wissen!

Innerhalb weniger Sekundenbruchteile wird abgewogen: 600ccm gegen 1100ccm, Monsterfahrwerk gegen Telelever, dazu umfassendste Ortskenntnisse!!! DAS könnte klappen! Erst jetzt sieht der Verfasser, dass der Kuh-Treiber nicht unbedingt zur Gilde der Warmduscher zu zählen ist. Angeschliffene Knee Pads senden erste Warnsignale aus. Diese werden natürlich tunlichst missachtet, und der Verfasser reiht sich abwartend hinter dem Kuh-Treiber ein. Sicher, die eingeschlagene Richtung ist arges Winkelwerk, aber eine BMW? Pah!

Lorch/Mainz 17:50:
Um es gleich vorwegzunehmen: Was jetzt folgt, ist eine Trainer-Stunde für den Verfasser dieser Zeilen. Die ersten Meter werden leicht wedelnd unter die Räder genommen. Eine langgezogene Links bietet sich monstermäßig für den finalen „Abschuss“ an. Also kurz den Abstand etwas vergrößert, Anlauf nehmen, und mit vollem Speed dem Kuh-Treiber außen herum den Garaus gemacht! Ein guter Plan. 

Doch was ist das? Die Kuh mit dem Cowboy oben drauf scheint plötzlich Flügel zu bekommen, und was noch viel schlimmer ist, der Kuh-Dompteur verlagert sein Gewicht leicht auf die kurveninnere Raste, und sein Arsch bewegt sich ebenfalls in Richtung Kurve. Sollte der etwa?!?! NIEMALS! Das kann nicht sein!

© eVisor

Durch den beherzten Anlauf gelingt es dem Verfasser die Monster am Hinterrad der Kuh zu halten. Doch der Kuh-Junge beherrscht sein Handwerk. Fast zeitgleich mit den Zylindern schleifen seine Knee Pads über den Asphalt und funken den Grad der Schräglage in des Cowboys Hirn. Ein perfektes Zusammenspiel!

So langsam ahnt der Verfasser, dass es hier für ihn was auf die Locken gibt. Hier ist nicht einer der Klapphelm bewehrten Opas am Werk. Hier dreht ein Könner am beheizten Gasgriff. Scheiße – das Fernsehprogramm wäre doch eigentlich auch gar nicht so schlecht gewesen!

Die kühlende Perforation im Lederkombi des Verfassers verweigert ob der plötzlichen Explosion der Körpertemperatur den Dienst, der Schweißfilm auf der Stirn lässt den Vollvisierhelm tief ins Gesicht rutschen. Die Augen sind weit aufgerissen und der Mund formt unhörbare Worte!

Der Kuh-Treiber kennt kein Mitleid. Mit traumwandlerischer Sicherheit werden die engen Kehren genommen, während der Verfasser die Monster völlig ausmelken und eine lebensverneinende Fahrweise an den Tag legen muss.

Jeder Zentimeter Gaszug wird genutzt, ja, es wird sogar nachgegriffen, um das letzte Fitzelchen aus dem Motor zu holen. Und das Hang Off wird immer extremer, um ein frühzeitiges Aufsetzen der Teile zu verhindern. Schleifen kostet Zeit!

Doch aller Einsatz nutzt nix – der Abstand zur Kuh wird größer und größer. Die einzige Hoffnung, dass ein spazieren fahrendes Auto den Vortrieb der Kuh bremsen könnte, erweist sich als Trugschluss. Kein Auto. Kein Mitleid. Die völlige Demontage eines „Helden“ hat begonnen.

© DHS

Erste Tränen der Enttäuschung in den Augen des Verfassers trüben den klaren Blick auf die Straße. In den Mundwinkeln bilden sich die ersten bitteren Schaumflocken, und die Augen zeigen eine deutliche Rötung.

Süßlicher Geschmack ist der Beweis dafür, dass der Verfasser sich Gift und Galle spuckend die Unterlippe blutig gebissen hat.

Der Cowboy beherrscht auch das Spiel mit dem Ego perfekt. Was bisher ein fairer Kampf war, wird nun zur endgültigen Hinrichtung. Rotes Aufleuchten verkündet, dass er seine Bremse betätigt, um den Verfasser auflaufen zu lassen.

An der Haltung des behelmten Kopfes ist zu erkennen, dass der Fahrer kurz in den Rückspiegel schaut. Ohne jede weitere Regung hebt er kurz die rechte Hand, winkt gönnerhaft, und verschwindet auf Nimmerwiedersehen im weiten Winkelwerk!

Mainz, 18:30:
Der Kuh-Treiber ist wieder zu Hause. Die Frage seiner lieben Frau, ob er nach der Fahrt duschen möchte, beantwortet er mit einem warmherzigen: „Och nö. Danke mein Liebling, ich bin ja nur spazieren gefahren. Dabei schwitzt man nicht.“

Lorch/Rhein irgendwo im „Tal“ 18:10:
Der Verfasser dieser Zeilen steht noch immer fassungslos neben seiner Monster. Die Reifen sind vor Hitze blau angelaufen, an den Flanken haben sich Gummi-Knubbel gebildet. Die Bremsscheiben dampfen.

Nachdem drei Zigaretten zerbröselnd in den zittrigen Händen keinen Halt gefunden haben, kann die vierte endlich halb geknickt, aber halbwegs normal zwischen die Lippen geführt werden. Verstohlen wird kontrolliert, ob auch niemand den ganzen Vorgang beobachtet hat.

Lorch/Rhein  irgendwo im Tal 19:30:
Die mittlerweile unruhig gewordene Gattin des Verfassers hat sich voller Sorge mit dem Auto auf die Suche gemacht. Sie findet ihren Mann auf der Leitplanke sitzend, mit stierem, leeren Blick die Monster anstarrend, und vollkommen depressiv.

Zwischen seinen Stiefeln eine zerknüllte Zigarettenschachtel und zehn halbgerauchte Kippen. Er murmelt undeutlich vor sich hin. Sein Haar hängt wirr und strähnig vom Kopf herab. Selbst mit zärtlichsten Worten dringt die sorgenvoll blickende Gattin des Verfassers nicht durch. Weiße Rinnsalspuren, von den Augen in Richtung Wangen verlaufend, sprechen eine deutliche Sprache: Der Mann hat geweint.

Lorch/Rhein 23:50:
Die Monster wurde von Freunden mit dem Anhänger in die heimische Garage verfrachtet. Der Verfasser dieser Zeilen ist immer noch nicht ansprechbar und verweigert jegliche Nahrung. Am nächsten Tag will die Gattin des Verfassers einen Arzt konsultieren.

Lorch/Rhein irgendwo im Wispertal 05:30:
Leichte Nebelschwaden künden vom herannahenden Tag. Die Luft riecht würzig, die Amsel singt ihr morgenliches Lied. Irgendwo an einer Leitplanke bläst der Wisperwind eine zerknüllte Zigarettenschachtel in den Straßengraben – und verteilt 10 halbgerauchte Kippen über die gesamte Breite der Straße.

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4 Antworten auf Tragödie auf der Hausstrecke: Hergebrannt von einer Kuh…

  1. DucTreiber

    Ist doch wohl klar, das dieser Artikel von einem „KuhTreiber“ (GS-Fahrer) verfaßt wurde und nicht von einem Duc-Fahrer!

    Wo sind den die Duc-Bilder geblieben und wie bist Du an die Bilder gekommen, wenn Dir die GS den Auspuff von hinten gezeigt hat!

    Aber zugegeben, im kurvigen Terra is eine GS recht schwer zu schlagen. Es seid den der GS Fahrer hat einfach keine Lust eine Beweiß dafür abzuliefern und läßt die anderen passieren!

    Es soll auch Fahrer geben, die das Fahren und die Landschaft geniesen wollen. 🙂

  2. Javic

    Ein paar Kilometer weiter im Aartal mit seinen langezogenen Kurven hätte das Ganze wohl anders ausgesehen, aber im engen Wispertal geht so eine GS sicherlich gut.

  3. Tegeler

    Die Q ist auf der kurvigen Landstasse nicht zu schlagen. Da kann kommen wer will. Wenn der Q Treiber sein Handwerk versteht ist da kein Kraut gegen gewachsen. Ein 180 PS Superbike, OK, aber nur, wenn der Asphalt glatt und eben ist, sonst keine Chance. Ich bin in 17 Jahren mit der 1100 GS kein mal überholt worden, wo es Kurven gab. Autobahnheizen kann sie nicht so gut, aber in den Dolomiten ist sie eine Bank. Und das schöne ist. Wenn sich gerade keiner die Zähne ausbeissen möchte, kann man vorzüglich auch noch die Landschaft genießen.

  4. Pingback: Anonymous

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