© Honda  - Stefan Bradl verlässt LCR-Honda am Saisonende in Richtung Forward-Yamaha

© Honda – Stefan Bradl verlässt LCR-Honda am Saisonende in Richtung Forward-Yamaha

2012 kam Stefan Bradl als amtierender Moto2-Weltmeister zu LCR in die MotoGP, ausgestattet mit einem Honda-Vertrag. Aber in der Königsklasse konnte er die Erwartungen bisher nicht erfüllen: WM-Achter im Premierenjahr, WM-Siebter 2013, derzeit Neunter der Gesamtwertung – und in mehr als zweieinhalb Saisons nur ein einziges Mal auf dem Podium (Laguna Seca 2013).

Zu wenig, um das ursprüngliche Traumziel, sich bei Honda für eine Werksmaschine zu empfehlen, zu erreichen. Stattdessen weinen die Japaner dem Deutschen keine Träne nach, wenn er 2015 zu Forward-Yamaha wechselt: „Wir haben ihm von Anfang an drei Jahre Zeit gegeben. Wenn er dann nicht das bringt, was wir von ihm erwarten, müssen wir etwas ändern. Das ist ganz normal“, erklärt Honda-Teamchef Livio Suppo im Interview mit ‚Motorsport-Total.com‘.

Bradl sei zwar menschlich „ein guter Kerl“, aber die Leistung sei unterm Strich nicht ausreichend gewesen: „In den bisherigen zweieinhalb Saisons war er meistens in der Nähe des Bereichs, wo wir ihn sehen wollten – aber tatsächlich dort war er nur ein paar Mal“, sagt Suppo. „Darum haben wir zu Lucio (Cecchinello; Anm. d. Red.) gesagt: ‚Wenn du mit Stefan weitermachen willst, kein Problem. Aber wir können das nicht mehr unterstützen.'“ Sprich: Honda hätte die Gage des Deutschen nicht weiter bezahlt.

Suppo kritisiert: In Austin große Chance verpasst

Während das einzige Podium in Laguna Seca nicht ganz unglücklich zustande gekommen ist, ließ sich Bradl andere gute Gelegenheiten durch die Lappen gehen. „Nehmen wir ein Rennen wie Austin“, nennt Suppo ein Beispiel. „Das war eine Riesenchance, einmal auf das Podium zu fahren. Dani hatte ein Problem mit dem Vorderrad, Jorge hat zu Beginn einen großen Fehler gemacht und Valentino hatte ein Problem. Wenn du so eine Situation nicht nutzen kannst…“

„Ich habe großen Respekt vor Stefan, aber er muss aggressiver und selbstbewusster werden“, analysiert er die Persönlichkeit des scheidenden LCR-Piloten. Ob Bradl in seiner Karriere noch die Wende schaffen kann, hänge „davon ab, was sein Ziel ist. Er muss mehr träumen, mehr an sich selbst glauben! Letztendlich tut es mir leid, dass er nicht mehr für Honda fahren wird. Er ist ein guter Kerl, ein guter Fahrer. Aber ich glaube, er muss mehr an sich selbst glauben.“

Bradl lässt diese Kritik von sich abprallen: „Ist seine Meinung.“ Gleichzeitig räumt er ein, dass er mental schon einmal stärker aufgestellt war als nach den jüngsten Stürzen: „Das Selbstvertrauen ist natürlich im Moment nicht so extrem gut. Das hat auch damit zu tun, dass ich in den letzten Wochen viel auf den Deckel gekriegt habe. Das muss man sich wieder aufbauen, indem man Erfolgserlebnisse einfährt. Aber im Großen und Ganzen kann sich jeder seine Meinung selbst bilden.“

Beginnen auch die Fans an Bradl zu zweifeln?

Das tun auch die Leser von ‚Motorsport-Total.com‘, von denen laut einer kürzlich durchgeführten (nicht repräsentativen) Online-Umfrage nur jeder Fünfte der Meinung ist, dass sich Bradl eine Vertragsverlängerung bei LCR verdient gehabt hätte. 42 Prozent glauben, dass er sich dafür hätte steigern müssen, während 37 Prozent von vornherein finden, dass das Talent nicht ausreicht und ein anderer Fahrer die Chance eher verdient hat.

Das sieht Forward-Teamchef Giovanni Cuzari anders – seiner Meinung nach ist Bradl „ein guter Fahrer“, der „mit unserem Motorrad mindestens in die Top 10“ fahren kann. Die Suppo-Kritik, wonach der 24-jährige Zahlinger nicht selbstbewusst genug sei, möchte er im Interview mit ‚Motorsport-Total.com‘ nicht beurteilen: „Ich habe Stefan erst dreimal getroffen und kann noch nicht viel über ihn sagen, aber ich mag diesen Kerl. Er ist sehr nett, ernsthaft. Ich mag ihn.“

Neuer Teamchef hält große Stücke auf Bradl
Cuzari glaubt, dass man bei einem Fahrer nicht einfach einen Schalter umlegen kann, um alle Selbstzweifel abzuschütteln, sondern geht an die mentale Frage anders heran: „Fahrer brauchen Motivation. Das ist meine Meinung. Ich denke, dass Stefan frische Motivation braucht“, ist er überzeugt. „Nach drei Jahren bei Honda hat er in meinen Augen die beste Entscheidung getroffen und das Team gewechselt. Ich bin jedenfalls glücklich, dass er bei mir unterschrieben hat.“

Im Idealfall soll nun bei Yamaha gelingen, was Bradl bei Honda nicht geschafft hat: der Sprung auf eine Werksmaschine. Bei Honda glaubt man jedenfalls nicht, einen Champion ziehen zu lassen: „Vorweg: Es ist unmöglich, die Zukunft vorherzusagen – alles kann passieren“, antwortet Suppo auf die Frage, ob er es als unmöglich erachte, dass Bradl jemals MotoGP-Weltmeister wird. „Aber wenn er seine Einstellung nicht ändert und nicht mehr an sich glaubt, dann ja, dann halte ich das für unmöglich.“

Bis zum Saisonende wollen LCR, Honda und Bradl aber noch professionell zusammenarbeiten und das Beste herausholen. Bradl befürchtet nicht, dass die Stimmung nach der Bekanntgabe seines Wechsels kippen könnte: „Es wird sich nichts ändern, denn wir haben noch acht Rennen. Die wollen wir gemeinsam so gut wie möglich absolvieren. Jeder hat noch die Motivation, besser zu werden und gute Ergebnisse einzufahren. Das ist das Wichtigste“, betont er.

MotoGP-Profi: Der Traum eines jeden jungen Mannes
Außerdem wird er zumindest 2015 weiter MotoGP fahren, also in der Königsklasse auf zwei Rädern. Das ist der Traum vieler junger Männer – und nur wenige haben das Talent, ihn sich zu verwirklichen. Bradl schon. „Diese Jungs haben großes Glück, weil sie einem Job nachgehen, der ihre Leidenschaft ist. Andere Menschen würden viel Geld zahlen, um so etwas machen zu können, und sie bekommen dafür sogar bezahlt“, philosophiert Suppo vor sich hin.

Aber selbst in der MotoGP ist eben nicht alles eitel Wonne, wie Bradl in den vergangenen Jahren feststellen musste: „Es ist andererseits ein sehr belastendes Umfeld“, räumt Suppo ein, „denn alle eineinhalb Minuten kann dich jeder beurteilen. Von außen nörgelt es sich leicht, wenn er eine halbe Sekunde langsamer ist – aber eigentlich ist eine halbe Sekunde nichts.“ Im harten Leistungsumfeld der MotoGP aber doch irgendwie eine kleine Ewigkeit…

Text von Christian Nimmervoll & Gerald Dirnbeck

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