Cal Crutchlow - © LCR-Honda

© LCR-Honda – Bei den ersten Testfahrten für LCR hatte Cal Crutchlow sein Lachen bereits wieder

Die Ducati: Ein unzähmbares rotes Monster, dass einen Fahrer mit der Illusion anlockt, dass gerade er derjenige sein wird, der das Biest bezwingen und die klangvollste Marke der MotoGP wieder an die Spitze führen kann, nur um ihn anschließend wieder auszuspucken und mit zerbrochenen Träumen und einer ruinierten Karriere zurückzulassen. 2014 reihte sich auch Cal Crutchlow in die Liste ihrer Opfer ein.

Oder etwa nicht? Das Klischee, was die die Ducati Desmosedici mit einem anderen MotoGP-Piloten als Casey Stoner anstellt, kam erstmals 2007 auf, als der Australier sofort einen gewaltigen Vorsprung vor Loris Capirossi hatte. Es verschwand nie ganz und wurde durch die Schwierigkeiten von Marco Melandri und Valentino Rossi bei ihrem Heimteam sogar weiter geschürt.

Doch im Fall von Crutchlow gibt es kein ratloses und bitteres Bedauern, wie man es bei einigen anderen Piloten erlebt hat, die nur kurz bei Ducati waren. Er ist sich sicher, dass er sich gut an die Desmosedici hätte anpassen können – tatsächlich gelang ihm das im letzten Abschnitt der Saison 2014 sogar – wenn sein Sturz in Austin nicht gewesen wäre, bei dem er sich die Hand brach und sein Selbstvertrauen erschüttert wurde.

Fehlendes Selbstvertrauen
Wenn er fit gewesen wäre, dann hätte er kein Problem gehabt, sich zu akklimatisieren. Wenn er sich bereits akklimatisiert gehabt hätte, dann hätte er den Sturz besser verkraften können. Es sind Gründe, keine Ausreden. Kein rotes Monster, kein Team, welches nach Stoner schmachtet – nur pragmatische, nordische Logik. „Bis zu meinem Crash in Texas hatte ich die Pace der anderen Ducati-Jungs. Bis dahin fühlte ich mich gut“, erklärt Crutchlow.

„Ich denke, es war womöglich einer der heftigsten Stürze meiner Karriere. Anschließend konnte ich nicht mehr so hart pushen und Risiken eingehen wie zuvor, bis ich mein Selbstvertrauen wieder hatte. Es dauerte eine lange Zeit, es wieder zurückzugewinnen, denn ich hatte kein wirkliches Gefühl für das Motorrad und konnte es nicht verstehen. Das war nicht die Schuld des Bikes, es lag eher daran, dass ich einfach kein Gefühl dafür hatte.“

„Man kann eindeutig sehen, dass das Motorrad nicht schlecht war, denn Dovi konnte damit zu dieser Zeit ziemlich gute Ergebnisse einfahren. Ich musste mich einfach daran anpassen, während die anderen Jungs bereits ein Jahr hinter sich hatten“, so Crutchlow. Motorradsport ist gleichzeitig menschlicher aber auch übermenschlicher als andere Motorsportarten. Die Angst vor dem, was alles schieflaufen könnte, ist viel präsenter, wenn man nicht in einem Cockpit und in einer Sicherheitszelle sitzt.

Durch die physische Beanspruchung, das Motorrad immer am Limit auszubalancieren, muss der Fahrer zu jedem Zeitpunkt absolutes Selbstvertrauen haben. Ein erschüttertes Selbstvertrauen kann in der Formel 1 eine schwache Performance in einem Stint bedeuten oder ein paar Zehntel im Qualifyingduell mit dem Teamkollegen ausmachen.

In der MotoGP können diese teaminternen Lücken gewaltig sein – und die Stürze häufig – wenn ein Fahrer Zweifel an sich oder dem Paket hat. Wenn die Piloten über „Gefühl“ oder „Rhythmus“ sprechen, dann haben diese Worte tatsächlich eine Auswirkung auf ihre Performance. Nur den Rallyesport kann man in dieser Hinsicht damit vergleichen.

Ducati setzt auf Iannone
Wenn Crutchlows Durchhänger nicht damit zusammengefallen wäre, dass Pramac-Pilot Andrea Iannone sich gerade von einer ähnlich schwachen Saison 2013 erholte und das massive Potenzial zeigte, welches er in seiner schnellen aber auch wilden Zeit in den kleineren Klassen immer angedeutet hatte, dann hätte Ducati keine echte Alternative gehabt, die man langfristig hätte binden können.

Das starke Saisonende des Briten hätte dann der Ausgangspunkt für eine lange und erfolgreiche Karriere bei Ducati sein können. Stattdessen wurde es ein „Das-hättest-du-haben-können-Abschied“. Aber Crutchlow verschwendet keine Zeit mit Spekulationen darüber, was hätte sein können: „Es hatte nichts mit meinem Speed zu tun, denn den verliert man nicht über Nacht. Ich wusste, dass ich so schnell war wie die anderen Jungs bei Ducati.“

„Es war eine Frage der Situation, die sich zu dieser Zeit vor mir abspielte. Ducati hatte zwei Piloten für zwei Jahre verpflichtet. Ich hätte noch ein Jahr vor mir gehabt, wenn ich das gewollt hätte. Aber wenn ich für sie die Meisterschaft gewonnen hätte, wo hätte ich dann anschließend hingehen sollen, wenn sie bereits zwei Jungs haben? Ich denke, ich habe in meiner Karriere immer ziemlich clevere Entscheidungen getroffen, wo ich zu welchem Zeitpunkt hingehen möchte.“

„Ich hatte die Option, woanders hinzugehen. Es war meine Entscheidung, denn ich hatte bereits für zwei Jahre unterschrieben. Wenn ich weggehen wollte, dann konnte ich das machen. Und das habe ich auch getan“, so der Brite. Man sollte Crutchlows Pragmatismus nicht damit verwechseln, dass er mit dem Verlauf der Saison 2014 zufrieden ist. Natürlich war er frustriert darüber, den anderen Ducatis früh in der Saison nicht mehr folgen zu können und in seiner ersten Saison bei einem Werksteam weniger Podien und Punkte zu holen als 2013 bei Tech-3-Yamaha.

Crutchlow will nicht nachtreten
Doch warum sollte er nun sinnlosen emotionalen Lärm darum machen, wenn alle involvierten Partien seiner Meinung nach absolut logisch gehandelt haben und das Endergebnis – „sie haben zwei großartige Fahrer und ich gehe zu einem großartigen Team“ – für alle zufriedenstellend ist? Diese Perspektive verfolgte er während der gesamten Saison. Er log nicht darüber, dass Dovizioso und Iannone diejenigen waren, die die Updates bekamen (inklusive der neuen GP14.2), aber öffentlich beklagte er sich deswegen nie.

„Außer einem Motorenupdate hatte ich nichts neues an meinem Motorrad, aber damit war ich noch immer zwei Stufen hinter den anderen Jungs. Ich bin deswegen nicht sauer, denn ich verstehe die Situation. Sie brachten immer neue Teile, aber sie hatten nur eine gewisse Anzahl davon. Ich war nicht schnell genug, also gaben sie sie Iannone. Natürlich war das manchmal frustrierend, aber ich habe verstanden, welcher Gedanke dahinter steckte.“

„Ich war in keinster Weise wütend auf sie. Wenn ich schnell genug gewesen wäre, dann hätte ich die Teile bekommen. Aber ich war es eben nicht. Ich hätte die Situation nicht ändern wollen, denn ich denke, dadurch bin ich am Ende des Jahres nur noch entschlossener geworden“, so Crutchlow. Dieses Ende des Jahres beinhaltete ein Podium im Regenrennen in Aragon, aber noch aussagekräftiger war eine Reihe exzellenter Qualifyingergebnisse (angeführt von einem zweiten Platz auf Phillip Island) und das Finale in Valencia, bei dem er die meiste Zeit Seite an Seite mit Doviziosos GP14.2 fuhr.

Hinter diesem Aufschwung steckten keine Upgrades oder Änderungen am Setup. Sein Selbstvertrauen war einfach wieder da. Obwohl die Formel 1 zuletzt etwas lockerer geworden ist, gibt es dort noch immer kaum Persönlichkeiten, die so offen sind wie Crutchlow. Die dortigen Piloten stehen ihren MotoGP-Gegenstücken in Sachen Schabernack und Offenheit gegenüber der Presse und in den sozialen Meiden noch immer nach.

Der letzte Superbike-Pilot
Bei einer Reihe von Telefoninterviews an einem düsteren Dienstag im Winter ist Crutchlow nicht komplett in seinem Element – der Funke, manchmal verspielt und manchmal aggressiv, der im Fahrerlager auftaucht, wenn er mit vertrauten Pressevertretern spricht, springt nicht so recht über – aber trotzdem kann er gar nicht anders, als offen und ehrlich seine Meinung zu sagen.

Seit dem erzwungenen Rücktritt von Ben Spies ist Crutchlow der einzige Pilot, der an der Spitze der MotoGP mitfahren kann, der seinen Hintergrund nicht in der klassischen Grand-Prix-Leiter hat, sondern bei den Superbikes. Er denkt nicht, dass das an der Kurzsichtigkeit der MotoGP-Teams liegt: „Ich glaube wirklich, dass viele der Superbike-Jungs das Talent hätten, um in der MotoGP vorne dabei zu sein.“

„Sie wollen nur einfach das Risiko nicht eingehen oder Gehaltseisbußen hinnehmen. Das musste ich am Anfang. Sie hängen in ihrer Rennroutine fest und bekommen dort ein halbwegs anständiges Gehalt. Sie sind ziemlich zufrieden, wenn das die nächsten zehn Jahre so weitergeht. Ich sage nicht, dass das falsch ist, aber viele von ihren würden gerne in die MotoGP kommen“, erklärt der Brite.

„Wenn man sich das vergangene Jahr ansieht, dann hatten viele Superbike-Fahrer die Möglichkeit, in die MotoGP zu wechseln. So viele. Die Teams sehen sich die Superbike-Weltmeisterschaft zu 100 Prozent an. Natürlich haben sie auch die Moto2 im Blick, aber momentan gibt es dort niemanden, der es wirklich wert wäre, in die MotoGP geholt zu werden, wie es vor ein paar Jahren noch war“, findet Crutchlow.

Er unterstreicht, wie entschlossen er sein musste, um möglichst schnell Fortschritte zu machen und sich über die Superbikes in die MotoGP zu kämpfen. Er ist sich sicher, dass es das Beste war, diesen „wirklich, wirklich schwierigen“ Lernprozess zu absolvieren, um es in die Königsklasse zu schaffen, anstatt das Risiko einzugehen, auf dem Weg dorthin stecken zu bleiben oder zu stagnieren.

Crutchlow will vorne mitfahren
Im Hinblick auf die Zukunft ist es sein Ziel, „meine Karriere an der Spitze der MotoGP zu verlängern.“ Es ist eine für Crutchlow typische Einstellung. Natürlich glaubt er daran, dass er ein Grand-Prix-Sieger werden kann. Ansonsten würde er es nicht versuchen und die Top-Teams würde ihn nicht verpflichten, wenn sie das nicht auch so sehen würden. Er ist ein temperamentvoller Racer und hat bei Tech 3 bewiesen, dass er auch im Qualifying explosiv sein kann.

Es gab viele Stürze, aber das passiert einfach, wenn man sich auf einer Maschine beweisen möchte, die nicht so konkurrenzfähig ist, wie es die eigenen Ansprüche gerne hätten. Er muss keine leeren Phrasen über den Traum von der Weltmeisterschaft dreschen, um sich zu rechtfertigen, denn heutzutage gewinnt sowieso niemand ein Rennen auf einem Satelliten-Motorrad.

Das realistische Ziel ist es, so lange wie möglich vorne in der MotoGP mitzufahren. Das ist daher auch seine Priorität. Ducati wurde für ihn zu einer Einbahnstraße. LCR und Honda garantieren ihm nun zwei Jahre auf einer sehr ordentlichen Maschine und anschließend wird es wieder zu einem Schachspiel kommen.

Obwohl er bei LCR eine Werks-Honda bekommen wird, weiß er ganz genau, dass das nicht bedeutet, dass er exakt das gleiche Equipment wie Marc Marquez bekommen wird. Wenn die Upgrades von Honda funktionieren, Teile zur Verfügung stehen und er gute Leistungen abliefert, dann erwartet Crutchlow, dass auch er eine bessere Ausrüstung erhält. Doch auch wenn diese Faktoren nicht zusammenkommen, dann ist das ebenfalls in Ordnung.

Hauptkonkurrent Redding?
Am leichtesten wird der technische Vergleich zu Hondas anderem Satellitenteam fallen, dem Newcomer Marc VDS. Dort fährt mit Scott Redding ein anderer Brite, der bereits klargemacht hat, dass er sich dort im Schaufenster sieht und sich für Hondas Werksteam empfehlen möchte. Doch sich mit Redding um Hondas Aufmerksamkeit zu streiten, steht auf Crutchlows Liste nicht ganz oben.

„Ehrlich gesagt sehe ich Scott nicht als Bedrohung. Er hat mich in diesem Jahr (2014; Anm. d. Red.) in ein paar Rennen geschlagen, als ich die schlechteste Phase meiner Karriere hatte und er auf seinem Höhepunkt war. Es gibt andere Leute, auf die ich mich konzentriere. Er ist ein großartiger und talentierter Fahrer, aber ich denke nicht, dass seine Zeit schon gekommen ist. In zwei oder drei Jahren wird er in der MotoGP vorne dabei sein. Ich glaube, dass er sein erstes Podium einfahren wird, aber ich glaube nicht, dass er an jedem Wochenende darum kämpfen wird“, so der Brite.

Eine offene aber faire Einschätzung. Die gleichen Standards legt Crutchlow auch bei sich selbst an. Daher gibt er auch offen zu, dass er 2014 teilweise schlechter war als je zuvor. Doch wie weit ist er nach seiner Wiederauferstehung nun noch von seiner Bestform entfernt? „Ich würde sagen, dass es 2013 und auch im Jahr davor Zeitpunkte gab, an denen ich noch viel stärker war, als ich es jetzt bin. Ich glaube, dass ich noch immer eine Menge in mir habe.“

Crutchlow erklärt: „Ich will wieder vorne dabei sein und mit den Werkspiloten mithalten. Wenn das bedeutet, dass ich in jedem Rennen Vierter werde, dafür aber mit ihnen kämpfen konnte, dann wäre ich damit glücklich. Es gibt keinen Grund, warum ich das nicht sein sollte. Ich habe wieder einen guten Punkt erreicht und ich habe den Speed. Aber trotzdem glaube ich, dass ich schon schneller war.“

Text von Matt Beer (Haymarket)

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