© Suzuki - Kevin Schwantz erinnert sich an viele bewegende Momente mit Marco Simoncelli

Auch Kevin Schwantz hat auf seiner Internetpräsenz Abschied von Marco Simoncelli genommen. „Ich habe die enge Freundschaft mit Marco genossen und werde ihn vermissen“, heißt es am Anfang seiner Nachricht. In einer bewegend geschriebenen Abschiedsnachricht an Simoncelli erinnert sich der Amerikaner an den verunglückten Italiener und blickt auf einige Begegnungen mit ihm zurück.

„Kennengelernt habe ich Marco 2003 oder 2004, als ihn Valentino mitbrachte. Er fing gerade in der WM an und kam mit uns zum Essen nach dem Grand Prix in Barcelona“, beschreibt Schwantz. „Ich habe mich gefragt: ‚Wer ist der Junge? Er ist so groß! Aus dem kann nichts werden.‘ Aber Valentino meinte: ‚Nein, er ist sehr schnell.‘ Und natürlich sollte Valentino Recht behalten.“

Simoncelli begeisterte Schwantz

„Marco war nicht nur ein schneller Rennfahrer mit riesigem Talent und Potenzial. Er war auch ein großartiger Junge. Er hatte fast immer ein Lachen im Gesicht. Es hat ihm Spaß gemacht, Rennen zu fahren“, erklärt der 500er-Weltmeister von 1993. „Für viele ist es – da schließe ich mich zu meiner Zeit mit ein – Arbeit. Man hat keinen Spaß mehr daran. Man kann die Anforderungen und die ganze Arbeit nicht mehr damit ausgleichen, dass man am Sonntag eine Stunde lang Spaß hat, den anderen in die Hintern zu treten. Simoncelli schien das bis zum Ende am besten im Griff zu haben.“

„Es gab in diesem Sport drei Spitzenfahrer. Nun sind es nur noch zwei“, merkt Schwantz an. Dazu zählt er Maverick Vinales, Marc Marquez und Simoncelli. „Diese drei sind gute Repräsentanten des Sports. Sie scheinen immer Spaß zu haben. Es wird immer die Pedrosas geben. Es wird immer die Stoners geben. Aber wenn Valentino aufhört, verliert der Sport seinen gesamten Charakter.“

„Auch wenn Sic so populär war, hat er in diesem Jahr viele Fehler gemacht und einige Motorräder kaputt gemacht, als er stürzte. Dennoch hatte er immer etwas Positives zu sagen und ein Lächeln im Gesicht. Er nahm sich immer die Zeit für ein Gespräch und meinte: ‚Ich lerne. Ich mache Fehler. Ich fahre noch nicht seit zehn Jahren mit diesen Motorrädern und weiß deshalb nicht, was zu tun ist'“, schreibt Schwantz.

„Für mich hatte er etwas Altmodisches. Er war so wie ich und noch nicht besonders abgeklärt, als er zum ersten Mal auf dem Motorrad saß. Er war als Fahrer noch nicht besonders verschliffen“, blickt Schwantz zurück. „Aber es schien, als ob er es in den Griff bekommen würde und er nun entscheiden konnte, was wichtig ist: nicht nur die nächste Kurve sondern das Resultat, was unterm Strich herauskam.“

Beeindruckender Wille

Besonders in Erinnerung ist dem ehemaligen Suzuki-Fahrer mit der legendären Nummer 34 eine Motocross-Veranstaltung geblieben: „Ich habe bei einem Motocross-Rennen für wohltätige Zwecke mitgemacht, das Valentino vor ein paar Jahren organisiert hatte. Da habe ich Marco gesehen. Zu dem Zeitpunkt konnte man sagen, dass Marco noch nicht viele Erfahrungen auf einer Motocross-Maschine hatte. Ich bin auch kein besonders guter Geländefahrer, bin aber schon viel mit Motocross-Motorrädern gefahren. Deshalb habe ich ihn etwas beraten.“

„‚Oh, danke! Das hat mit sehr geholfen‘, meinte er. Am Ende des Wochenendes konnte ich gerade so an ihm dran bleiben. Er war einer der Kerle, die wie ein Schwamm sind. Er hat absolut alles aufgesaugt und das behalten, was ihm half. Alles andere hat er weggelassen“, berichtet Schwantz und lobt den Willen des ehemaligen 250er-Weltmeisters: „Er war immer bereit, etwas zu lernen, hörte zu und zeigte Interesse. Man konnte es in seinem Gesicht sehen: ‚Das könnte etwas sein, bei dem ich zuhören muss. Dass könnte etwas sein, das mir helfen könnte.‘ Und jedes Mal, wenn ich in seiner Nähe war, lud er mich zu sich ein.“

Obwohl Schwantz einige Landsmänner im MotoGP-Fahrerlager hat, war es immer wieder Simoncelli, mit dem er sich beschäftigte: „Ich habe mich mit ihm sicher mehr unterhalten als mit Spies. Ich habe ihm vor und nach einem Rennen geschrieben. Vor dem Grand Prix in Australien habe ich ihm geschrieben: ‚Alles, was du tun musst, ist, einen guten Start zu haben und mit Stoner mitzufahren. Versuche ihm ein paar Runden zu folgen. Ein bisschen Druck, wer weiß, was passiert.'“

„Nach dem Rennen schrieb er mir: ‚Kevin, ich hatte nicht das Tempo, um Casey zu folgen. Aber ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Es war bis ins Ziel ein harter Kampf.‘ Ich schrieb ihm zurück: ‚Ja, das ist großartig.‘ Dann fragte er: ‚Du kommst doch nach Valencia, oder?'“ Schwantz bestätigte, beim Saisonfinale vor Ort zu sein.

Simoncelli war die Zukunft

© Honda - In Brünn fuhr Simoncelli zum ersten Mal auf das MotoGP-Podest

„Ich weiß nicht, was die Serie tun wird, um ihn in Valencia zu würdigen. Ich bin mir aber sicher, dass jeder ihm die Ehre erweisen wird, weil er mit Sicherheit für die kommenden fünf oder zehn Jahre die Zukunft der MotoGP gewesen wäre“, so Schwantz.

„Wir haben uns gegenseitig „Ciccio“ genannt“, erinnert sich der Texaner. „Er meinte, das bedeutet soviel wie ‚Kumpel‘. Er zählte zu den Jungs, die eine tolle Zukunft im Sport vor sich hatten. Es ist ein bedauernswerter Lebensstil, den wir uns ausgesucht haben, weil es manchmal sehr grausam sein. Es kann so gnadenlos sein“, bedauert er.

„Jedes Mal, wenn ich ihn sah, fragte er: ‚Hey, lass uns etwas Essen gehen.‘ Einmal rief ich ihn an, als wir Fahrrad fahren wollten und er sagte: ‚Kevin, es regnet. Lass uns aufs Fahrrad fahren verzichten. Ich hole dich am Hotel ab. Ich möchte dir etwas in meinem BMW zeigen.‘ Er hatte einen M3. Natürlich waren er und Graziano (Rossi; Anm. d. Red.) sehr gute Freunde, weil sie das Driften mit ihren Autos liebten“, schildert Schwantz.

„Sie kannten alle diese kleinen Nebenstraßen in Italien wie ihre Westentaschen. Er lebte in Riccione. Alle diese kleinen Straßen zwischen Misano und dem Strand – jedes Mal hatte er ein Lachen im Gesicht, das bis zu seinen Ohren reichte“, blickt Schwantz zurück. „Er sagte: ‚Graziano hat mich unterrichtet. Er hat mich gut unterrichtet. Man fährt nie mehr als zwei Runden‘, erklärte er mir, ‚weil man sonst die Polizei auf sich aufmerksam macht.'“

„Egal ob es sich um einen Kreisverkehr handelte, in dem wir Donuts drehten oder ein großer Parkplatz. Er sagte immer: ‚Man kann das nicht öfter machen. Graziano sagt, nicht mehr als zwei Runden'“, beschreibt Schwantz. „Er genoss das Leben. Es ist eine Tragödie, dass es so zeitig beendet wurde. Er hatte solch eine fantastische und vielversprechende Zukunft vor sich.“

Schwantz nimmt an Beerdigung teil

Auch abseits der Rennen hielten beide einen engen Kontakt: „Ich habe die Bilder auf meinem Telefon durchgesucht und ihm ein Bild geschickt. Ich glaube, es war ein Wintertag. Ich hatte ein langärmliches Simoncelli-Shirt an und habe ihm das Bild geschickt“, schreibt Schwantz. „Innerhalb von zwei Minuten hat er mir zurückgeschrieben. Er war in seinem BMW und das Telefon war hinter dem Lenkrad. Er hatte ein Kevin-Schwantz-Shirt an.“

„Er wird von allen so sehr vermisst werden. Seine Familie ist sehr nett. Sein Vater, seine Mutter, seine Schwester und seine Freundin – alle. Alle, die ich mit Marco getroffen habe, waren richtig nette Menschen“, schwärmt der Amerikaner, der bei der Beerdigung des charismatischen Lockenschopfes dabei sein wird. „Ich werde kein trockenes Auge haben.“

Abgeschlossen wird die Abschiedsnachricht mit folgenden Worten: „Vor dem Rennen in Malaysia habe ich ihm keine Nachricht geschickt. Ich habe nach dem Rennen eine Nachricht an sein Telefon geschickt: ’58 Forever. Rest in peace, Ciccio.'“

Text von Sebastian Fränzschky

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