Jorge Lorenzo © Yamaha

© Yamaha - Jorge Lorenzo verlor in Assen seinen kompletten Vorsprung von 25 Punkten

Bereits nach dem Qualifying waren sich die MotoGP-Piloten bewusst, dass der Weg bis zur ersten Kurve in Assen sehr kurz ist. Gresini-Pilot Alvaro Bautista woltle auf dem kurzen Stück dennoch möglichst viele Positionen gutmachen und war dabei zu optimistisch. Er verpasste seinen Bremspunkt und fuhr mit reichlich Überschussgeschwindigkeit in Richtung erste Kurve. Am Kurveneingang rutschte er übers Vorderrad und riss WM-Leader Jorge Lorenzo mit, der bereits im Vorjahr von Marco Simoncelli in Runde eins abgeräumt wurde.

„Es ist ein absolutes Desaster“, erklärt Lorenzo auf ‚MotoGP.com‘. „Es fühlt sich nicht gut an. Er ist genau wie ich ein Spanier. Sein Manöver war absolut unverständlich. Doch noch unverständlicher ist die Entscheidung der Rennleitung.“ Bautista muss am Sachsenring als Letzter starten. Das ist zu wenig für Lorenzo, der den Lerneffekt bezweifelt: „Die Fahrer werden nicht so bestraft, dass sie daraus für die Zukunft lernen können. Das nächste Rennen vom letzten Startplatz zu beginnen, reicht nicht, um zu lernen.“

„Als ich 2005 in Japan einen Fehler machte, wurde ich für ein Rennen gesperrt. John Hopkins hatte ebenfalls einen Fehler in Japan gemacht und wurde für ein Rennen gesperrt. Und er muss lediglich ans Ende des Feldes beim kommenden Rennen. Es ist nicht fair“, bemerkt der Spanier, der in der Fahrerwertung nun punktgleich mit Casey Stoner ist. „Wir können froh sein, dass in letzter Zeit nichts passiert ist. Doch wenn die Fahrer keine entsprechenden Strafen erhalten, machen sie verrückte Sachen, wie Alvaro heute.“

Lorenzo bleibt unverletzt, seine Yamaha nicht

Verletzt hat sich Lorenzo bei dem Zwischenfall glücklicherweise nicht. „Es war ein heftiger Einschlag, doch es passierte nichts Ernsthaftes“, gibt er Entwarnung. „Zum Glück hatten wir 25 Punkte Vorsprung. Das ist gut. Sonst wären wir jetzt weit zurück.“ Beim Sturz wurde Lorenzos Maschine stark beschädigt. Besonders ärgerlich ist, dass der Motor seiner Yamaha M1 wohl komplett zerstört wurde.

„Das Problem ist, dass wir gestern einen neuen Motor eingebaut haben und der heute kaputt ging“, schildert er. Ein Antrag, einen zusätzlichen Motor zu erhalten, wurde bisher abgelehnt. Beim kommenden Rennen möchte Lorenzo wieder angreifen: „Ich habe noch nie am Sachsenring gewonnen. Dieses Jahr ist es also an der Zeit, das zu ändern. Die Meisterschaft ist noch sehr lang. In der Zukunft gibt es noch viele Rennen. Alles ist möglich.“
Teamkollege Ben Spies fehlt genau wie Lorenzo das Verständnis für Bautistas Aktion: „Ich weiß nicht, was sich Bautista gedacht hat. Er ist mit etwa 20 km/h Überschuss an mir vorbei. Er war wohl 20 km/h schneller als alle anderen“, berichtet der US-Amerikaner, der immerhin auf Platz vier fahren konnte. „Jorge konnte nichts machen.“

Bautista entschuldigt sich

„Als ich Doviziosos Rad folgte, habe ich leider meinen Bremspunkt verpasst und zu spät gebremst“, gesteht der Unfallverursacher. „Ich habe versucht, das Motorrad abzubremsen. Dabei habe ich aber die Haftung verloren und bin übers Vorderrad gerutscht. Ich bin sehr enttäuscht, besonders weil ich Lorenzo mit aus dem Rennen geholt habe. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Es war meine Schuld, dass er stürzte. Ich entschuldige mich bei ihm.“

„Ich hoffe, dass so etwas nie wieder passiert. Ich entschuldige mich auch bei meinem Team, weil sie dieses Wochenende so hart gearbeitet haben“, so Bautista. Teamchef Fausto Gresini bedauert den Vorfall ebenfalls: „Es ist schade, dass es zu Beginn des Rennens zu dem Unfall kam. Alvaro wollte das sicher nicht. Ich bin sehr enttäuscht, weil der WM-Leader Jorge Lorenzo betroffen war.“

„Wir sind traurig, dass es dazu kam. Alvaro hat natürlich klargestellt, dass es keine Absicht war. Er wollte Positionen gutmachen, hat aber seinen Bremspunkt verpasst und die Bremse zu hart betätigt, als die Reifen noch nicht auf Temperatur waren“, beschreibt Gresini. Im Yamaha-Lager war man verständlicherweise nicht besonders gut auf Bautista zu sprechen.

Unterschiedliche Meinungen zu Bautista

„Jeder, der es im TV gesehen hat, wird genauso denken wie ich: Was für eine sinnlose Aktion“, wird Yamaha-Teamchef Lin Jarvis von ‚MotoGP.com‘ zitiert. „Ich kann mir nicht vorstellen, wieso er von soweit hinten so schnell in die Kurve kam und nicht wusste, wo er hin soll. Einen der Führenden aus dem Rennen zu holen ist unentschuldbar.“

„Ich denke, dass er das Rennen für alle Zuschauer und Fans sowie Jorge kaputt gemacht hat. Es ist ein großer Schaden für unsere Meisterschaftsambitionen. Zum Glück hatten wir einen großen Vorsprung“, bemerkt Jarvis, der völlig verärgert war. Beim Saisonfinale 2011 unterlief Bautista ein ähnlicher Fehler. Damals waren die beiden Ducati-Werkspiloten die Betroffenen. „Meine Erinnerung an Valencia ist nicht mehr so frisch, doch es war einfach nur eine verrückte Aktion von ihm“, so Jarvis.
Assen-Sieger Stoner hat zum Vorfall noch keine Meinung: „Ich habe die Bilder noch nicht gesehen und erst darüber im Parc Ferme gehört. Es ist schwierig jemanden zu bestrafen, der in der Vergangenheit keine Unfälle ausgelöst hat. Wenn jemand schon viele Unfälle verursacht hat und es wieder passiert, dann sollte man eine Strafe aussprechen. Diesen Fall kann ich aber nicht beurteilen.“

Stoner ist gegen eine Strafe

Eine Bestrafung hält der Australier für übertrieben und hat demzufolge eine komplett andere Meinung als sein WM-Konkurrent Lorenzo: „Wenn man jemanden in der ersten Kurve aus dem Rennen nimmt, dann sollte es reichen, denn man weiß, was man falsch gemacht hat. Man fühlt sich dann sowieso schlecht. Vielleicht müssen sie reden.“

„Es ist zwar hinter mir passiert, aber ich war in der Nähe“, berichtet Andrea Dovizioso. „Ich habe gesehen, wie spät er gebremst hat. Es war sein Fehler. Er hat viel zu spät gebremst. Das kann passieren. Wenn man den Start macht, dann weiß man nicht genau, wo man bremsen muss. Ich glaube, er hat einen zu großen Fehler gemacht.“

„Alvaro ist normalerweise kein gefährlicher Fahrer. Vielleicht ist die Strafe deshalb zu hart. Trotzdem ist es eine große Warnung, weil es zu viel war. Jeder Fahrer, egal ob MotoGP oder Moto2, nimmt in den ersten Kurven viel Risiko“, stellt der Italiener fest, der in Assen sein zweites Podium in dieser Saison feierte. „Wenn man verwarnt wird, dann denkt man das nächste Mal darüber nach.“

Valentino Rossi erinnert sich an Valencia: „Ich glaube nicht, dass Bautista Schuld an dem Crash in Valencia hatte. Das lag mehr an Dovizioso. Heute machte er einen großen Fehler, weil er 20, 30 Meter zu spät gebremst hat“, stellt der Ducati-Pilot klar. „Er hat mich sehr schnell überholt und ich war mir sicher, dass er nicht mehr bremsen kann. Heute ist ihm ein großer Fehler unterlaufen. Die Strafe ist in Ordnung.“

„Man muss verstehen, dass das Rennen nicht in der ersten Kurve entschieden wird. Ich kann Jorge verstehen, weil er einen großen Vorsprung in der WM verloren hat. Jetzt ist die WM wieder offen. Ich kann seinen Frust zu 100 Prozent verstehen. An diesem Wochenende war Bautista in der ersten Kurve sehr stark. Wenn man sich die Sektorzeiten ansieht, dann war er im ersten Sektor meist Erster oder Zweiter. Er fühlte sich stark und hat es deshalb vielleicht übertrieben“, vermutet Rossi.

Text von Sebastian Fränzschky

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