Casey Stoner  © RACE-PRESS.com

© RACE-PRESS.com - MotoGP-Champ Casey Stoner kritisiert die Entwicklung der Bridgestone-Reifen stark

Seit der Einführung der Einheitsreifen gab es immer wieder Kritik an den Pneus von Reifenlieferant Bridgestone. Vor wenigen Jahren entwickelten Michelin und Bridgestone noch die passenden Reifen für die sensiblen MotoGP-Bikes und hatten bei jedem Rennen unzählige Reifenmischungen parat.

Das änderte sich, als der japanische Reifengigant ab 2009 für das gesamte MotoGP-Feld verantwortlich war. Der Reifenkrieg war Geschichte und fortan waren die Hersteller gefordert, ihre Maschinen auf den vorgegebenen Reifen abzustimmen.

Honda verkraftete diesen Umschwung wohl am schlechtesten. Die Japaner fuhren vor der Einheitsreifen-Ära sehr spezielle Hinterreifen. Als alle Teams die gleichen Reifen erhielten, waren die RC212V nicht mehr konkurrenzfähig. Erst Ende 2010 fand man den Anschluss, bevor man 2011 mit Casey Stoner wieder zu alter Stärke fand und überlegen den Titel holte.

Dennoch standen die MotoGP-Pneus immer wieder in der Kritik. Besonders das komplizierte Aufwärmverhalten wurde beanstandet und hatte viele prominente Opfer. So stürzten unter anderen Valentino Rossi und Colin Edwards schwer und zogen sich ernste Verletzungen zu. 2012 sollen sich diese Vorfälle nicht wiederholen. Bridgestone hat angekündigt, an den Mischungen sowie der Konstruktion der Reifen zu arbeiten, um den Fahrern mehr Gefühl zu vermitteln.

Bridgestone: Ziel erreicht?

Bei den beiden Sepang-Tests deutete sich bereits an, dass dieses Ziel erreicht wurde. In Jerez testeten die Japaner einen neuen Vorderreifen, der den Fahrern einen Einblick in die Entwicklung geben soll. Bridgestone-Motorsport-Direktor Shinji Aoki bilanziert: „Ich bin sehr erfreut, dass wir unser Vorsaison-Entwicklungsprogramm abgeschlossen haben. Wir verlassen Spanien, nachdem wir alle technischen Ziele erreicht haben.“

„Beim Sepang-Test haben wir unsere Ziele erreicht, ein besseres Aufwärmverhalten zu erzielen, dem Fahrer ein besseres Gefühl zu geben und bei hohen Temperaturen ein größeres Arbeitsfenster zu erhalten“, schildert er. „In Jerez wollten wir die gleichen Performance-Kriterien bei niedrigeren Temperaturen erreichen. Diesbezüglich war das Erreichte sehr positiv.“

„Die Fahrer haben exzellente Feedbacks gegeben, wie die 2012er-Reifenspezifikationen bei niedrigeren Temperaturen funktionieren. Wir gehen also voller Optimismus in die neue Saison“, so Aoki. Abschließend nimmt der Bridgestone-Verantwortliche noch Stellung zum neuen Vorderreifen: „Wir haben für alle Fahrer einen experimentellen Vorderreifen zum Jerez-Test mitgebracht und wertvolle Daten für diese Neuentwicklung erhalten. Im Namen von Bridgestone möchte ich allen Teams und Fahrern für ihre Bemühungen danken, uns dabei zu helfen, unsere Ziele zu erreichen.“

Stoner versteht Bridgestone nicht

Weniger begeistert ist Weltmeister Casey Stoner, der auch beim finalen Jerez-Test die Zeitenliste anführte. „Im Moment geschehen komische Dinge mit dem Reifen und der Auswahl, welche Reifen sie bringen“, bemerkt der Australier. „Sie sagen, das geschehe aus Sicherheitsgründen, aber für mich gehen sie damit zu weit.“

Honda stellte schon beim Nachsaisontest in Valencia fest, dass die neuen Reifenspezifikationen an der RC213V starkes Chattering verursachen. Stoner erklärt: „Die neuen Reifen haben bei uns zu starken Chattering geführt, dafür ist das Aufwärmverhalten besser als im vergangenen Jahr. Die neuen Entwicklungsreifen sind auf keinen Fall besser als die, die wir jetzt haben. Ich verstehe daher nicht, warum sie schon wieder neue Reifen bringen. Sie sagen, es gäbe ein Sicherheitsproblem, aber das sehe ich nicht.“

„Es gibt bei den Entwicklungsreifen kein Sicherheitsproblem, aber die Leute werden sich beim Bremsen über ein instabiles Fahrverhalten beklagen. Wenn das Problem schon beim Testen auftaucht, wird es im Rennen noch schlimmer werden“, prognostiziert der Honda-Pilot. „Ich bremse wesentlich härter als Dani, aber wir haben beide den gleichen Eindruck.“

Welche Mischungen liefert Bridgestone zum Saisonstart?

„Wie gesagt, ich verstehe nicht, warum sie schon wieder neue Reifen bringen, wo wir ohnehin schon neue für dieses Jahr bekommen haben.“ Problematisch für die Teams ist, dass Bridgestone selbst noch nicht genau weiß, welche Reifen bei den ersten Rennen eingesetzt werden.

„Es gibt noch keine endgültige Entscheidung“, kommentiert Bridgestone-Pressesprecher Carmine Moscaritolo. „Wir hatten hier den regulären Reifen in der Spezifikation von 2012 und die Entwicklungsreifen für die Vorderachse. Der Grund dafür war, dass wir den Fahrern eine alternative Entwicklung zu präsentieren. Wir werden in Katar den Reifen nach der 2012er-Spezifikation einsetzten. Ob und wann die anderen eingesetzt werden, können wir jetzt noch nicht sagen.“

MotoGP-Weltmeister Stoner beklagt sich über diese Ungewissheit: „Ich weiß nicht, welche Reifen sie einsetzen werden. Das ist alles sehr konfus, nicht einmal unser Team weiß da bescheid. Sie kommen in die Box, fragen ob wir den Reifen mögen oder nicht und gehen wieder raus. Die Entscheidungen werden nicht auf technischer Grundlage getroffen, sondern nur nach dem Geschmack der Fahrer. Sie fragen nicht mal, warum man den Reifen mag oder nicht mag.“

„Wir müssen mit dem Produkt arbeiten, welches uns zur Verfügung gestellt wird. Bei allen ist das Aufwärmverhalten wesentlich besser, und genau dieses Problem wollten wir auch beheben. Aber warum sie jetzt wieder neue Reifen bringen, obwohl ist anderen gut sind, ist ein wenig seltsam“, bemerkt der zweifache MotoGP-Champ.

Ist die Karkasse der neuen Vorderreifen zu weich?

War das Thema Chattering in der Vergangenheit so gut wie abgehakt, so häufen sich die Klagen der Piloten vor der Saison 2012 wieder. Egal ob es die CRT-Piloten sind oder Stoner an der Spitze: Das Chattering trifft offensichtlich alle Piloten. Einen Unterschied zwischen den verschiedenen Vorderreifen gibt es laut Stoner nicht: „Das Chattering wird nicht schlimmer, das haben wir bei allen Reifen. Mit der Instabilität an der Vorderachse würde ich wohl keine allzu großen Probleme haben, das trifft andere vielleicht härter“, merkt er mit Blick in Richtung Ducati an.

„Wenn du jemanden ausbremst, wird der Vorderreifen viel stärker belastet. Wenn sich die Karkasse ohnehin schon verwindet, wird es dann noch viel schlimmer“, analysiert der Australier. „Wir werden am Motorrad etwas umbauen und vielleicht muss ich auch meinen Fahrstil etwas umstellen, aber ein großes Problem sollte es nicht sein.“

„Wir haben bisher drei verschiedene Reifen getestet“, berichtet er und zählt auf: „Die beiden Typen, die sie zum Test nach Sepang gebracht hatten und den dritten, den wir schon seit dem Rennen in Brünn im vergangenen Jahr fahren. Alle drei sind ziemlich ähnlich, aber zwei sind beim Bremsen wesentlich stabiler.“

„Einer hat eine Gummimischung, wie wir sie auch in der Vergangenheit gefahren sind. Der ist wesentlich stabiler und hat eine weichere Mischung, die dir mehr Gefühl vermittelt. Der Reifen, den die meisten bevorzugen, hat eine härtere Mischung, aber eine weichere Konstruktion (21er-Vorderreifen). Im Endeffekt fühlen sich alle drei aber ziemlich gleich an. Nur beim Bremsen gibt es einen klaren Unterschied“, bilanziert Stoner.

Die Yamaha reagiert unempfindlicher

Bei der Konkurrenz von Yamaha wirken sich die unterschiedlichen Reifentypen offensichtlich weniger stark aus. „Wir waren auf allen drei Reifen schnell, nur das Gefühl war etwas unterschiedlich“, schilder Ben Spies, der den Test als Viertschnellster abschloss. „Ich könnte mit allen ein Rennen fahren. Mit dem 21er sind alle recht zufrieden, vielleicht mit Ausnahme von Casey, aber ich war mit dem anderen Reifen auch zufrieden.“

„Die Balance des Motorrads ist wirklich gut, denn wir waren sowohl auf harten als auch auf weichen Reifen sowie auf allen drei verschiedenen Typen schnell. Egal, ob wir den harten oder weichen Reifen nehmen müssen, das Motorrad kommt damit zurecht. Im vergangenen Jahr haben wir den harten Reifen manchmal nicht zum Arbeiten gebracht. Jetzt funktioniert jeder Reifen, zumindest auf dieser Strecke. Ich weiß nicht, ob das an den 1.000ern liegt“, grübelt der Amerikaner.

Bei Ducati genießt der Vorderreifen durch die eigenwillige Charakteristik der Desmosedici besonders viel Beachtung. Auch Valentino Rossi favorisiert den 21er-Vorderreifen: „Der bessere Vorderreifen ist der 21er. Es ist kein großer Schritt, aber ich komme damit besser zurecht. Er löst aber sicher nicht unsere Probleme. Ich habe alle drei Reifentypen probiert und sie sind besser als die alte Version“, analysiert Rossi.

MotoGP-Rookie Stefan Bradl bevorzugt wie die Vielzahl seiner Kollegen den Reifen mit harter Mischung und weicher Karkasse: „Der 21er ist etwas besser als der 22er und der 23er. Es hat sich etwas getan, damit fühle ich mich wohler.“ Im Gegensatz zu Stoner hat Bradl Lob für die neue experimentelle Reifenvariante übrig: „Die neue Sepzifikation ist besser, ich habe mich wohler gefühlt. Ich habe mehr Stabilität beim Bremsen und auch ein besseres Gefühl in schnellen Kurven für das Vorderrad.“ Zudem behauptet der Deutsche, „kein Chattering“ zu haben.

Text von Maximilian Kroiss & Sebastian Fränzschky

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