Marc Marquez - © FGlaenzel

© FGlaenzel – Marc Marquez: Vollblut-Racer oder ernst- zunehmende Gefahr für die Sicherheit?

Das Manöver von Rookie Marc Marquez  in Aragon wird kontrovers dikutiert.

Wie so oft in dieser Saison kam der Vollblut-Racer dem vorausfahrenden Piloten beim Anbremsen sehr nah. Diesmal handelte es sich um den Teamkollegen Dani Pedrosa.

Die beiden Honda-Werkspiloten berührten sich leicht. Doch bei diesem Kontakt wurde an Pedrosas RC213V das Kabel des Sensors, der die Raddrehzahl am Hinterrad misst und an das Steuergerät weiterleitet, so sehr beschädigt, dass der Vizeweltmeister von 2012 bereits am Kurvenausgang ohne die rettenden Eingriffe der Elektronik beschleunigte. Ein Highsider war die Folge.

„Ich habe ihn leicht berührt. Das Team hat mir gesagt, dass ich dabei das Kabel der Traktionskontrolle abgerissen habe. Das passiert normalerweise nicht. Ich musste dann durch den Notausgang, und er ist gestürzt“, schildert Marquez seine Sicht der Dinge. Der WM-Leader übernahm die Verantwortung, bewertete den Vorfall aber nicht über: „Natürlich war es mein Fehler, aber meiner Meinung nach war es Pech.“

Es war nicht das erste Mal, dass Marquez beim Anbremsen deutlich später in die Bremse griff. Unvergessen sind die Szenen aus Jerez, als er das Heck von Jorge Lorenzos Yamaha M1 mehrfach nur knapp verfehlte. Und auch beim Rennen in Barcelona kam es zu einer heiklen Szene mit Teamkollege Pedrosa. Doch damals konnte der amtierende Moto2-Weltmeister eine Berührung vermeiden. In Aragon hingegen kam es zum Kontakt der beiden Spanier.

Pedrosa erinnert an Simoncelli 2011
„Hier habe ich sogar früher als gewöhnlich gebremst, habe aber das Vorderrad kurz blockiert und musste die Bremse lösen. Danach war ich dann zu schnell“, beschreibt Marquez und gesteht: „Ich muss generell vorsichtiger sein, da ich beim Bremsen schon viele Fehler gemacht habe.“ Durch den Sturz sind die WM-Träume von Teamkollege Pedrosa so gut wie ausgeträumt. Mit 59 Punkten Rückstand bei noch vier zu fahrenden Rennen hat der langjährige Honda-Werkspilot nur noch theoretische Chancen auf seinen ersten WM-Titel in der MotoGP.

Entsprechend verärgert reagierte Pedrosa nach dem Rennen: „Marc geht immer übers Limit, wenn er vorne fährt. Er hat mich, wie so oft in diesem Jahr, beinahe abgeschossen. Er berührte mich und zerstörte den Sensor für die Traktionskontrolle. Dann flog ich einfach ab“, erklärt er und zieht Parallelen zu den Aktionen, die sich Marco Simoncelli Anfang der Saison 2011 leistete: „Wir haben schon in der Vergangenheit Erfahrungen mit solchen Fahrern gemacht, und das endete leider nicht gut. Wenn etwas passiert, ist es zu spät darüber zu reden.“

Eine Strafe wurde in Aragon nicht ausgesprochen. Die beiden Honda-Werkspiloten müssen ihre Sichtweisen im Rahmen des kommenden Rennwochenendes in Sepang offenlegen. Nach dem Aragon-Rennen meinte Pedrosa: „Es liegt nicht in meiner Hand. Die Grenze liegt dort, wo ein Fahrer einen anderen Fahrer in Gefahr bringt“, stellt der WM-Dritte klar. „Viele von uns könnten aggressiver fahren, aber wir machen es nicht. Es gibt aber Fahrer die darauf achten, nicht mit anderen zu kollidieren. Wir können keine Spiegel anbauen und darauf achten, wenn jemand kommt.“

Ist eine Strafe überfällig?
Durch Pedrosas Ausfall steig Valentino Rossi als Dritter aufs Podium. Zum Vorfall hatte der Italiener direkt nach dem Rennen keine Meinung, da er nicht wusste, was passiert war. Dennoch konnte sich „Vale“ einen Spaß nicht verkneifen: „Ich war direkt dahinter und finde, Marc sollte für zwei oder drei Saisons gesperrt werden (lacht; Anm. d. Red.). Im Ernst, ich habe es nicht genau gesehen.“

Ducati-Werkspilot Andrea Dovizioso hingegen erkennt, dass sich die Vorfälle, bei denen Marquez zu spät bremste, wiederholen. „Es war ein weiteres Mal, bei dem er vielleicht nicht zu spät, aber spät genug, um eine Berührung zu verursachen, bremste“, schildert der Italiener, der in der laufenden Saison noch nicht so oft mit Marquez kämpfen konnte. Dennoch hat er eine klare Meinung: „Es ist nicht einfach, mit Marquez zu kämpfen, weil er sehr aggressiv ist.“

„Marquez hat ein anderes Gefühl für das Limit als die anderen Fahrer. Er hat keine Angst davor, ein gewisses Risiko einzugehen. Es ähnelt der Situation mit Simoncelli“, bemerkt „Dovi“ und vertritt damit eine ähnliche Meinung wie Ex-Teamkollege Pedrosa. „Es sieht von außen aus, als ob er zu viel Risiko eingeht. Doch andererseits scheint er es jedes Mal noch in den Griff zu bekommen. Er fährt ganz anders als alle anderen Piloten.“

„Was passierte, sollte aber nicht zu einer Strafe führen. Doch wenn es öfter vorkommt, muss man da Konsequenzen ziehen. Dafür haben wir ja das Punktesystem. Wenn es öfter vorkommt und es immer der gleiche Fahrer ist, muss die Rennleitung entscheiden, ob man etwas macht“, fordert Dovizioso. Ähnlich sieht es auch Tech-3-Yamaha-Pilot Bradley Smith, der sich in der Vergangenheit in den kleineren Klassen einige Zweikämpfe mit Marquez lieferte.

Smith: Marquez fährt ohne Sicherheitsreserven
„Es ist nicht das erste Mal, dass er einem anderen Fahrer ins Heck gefahren ist“, bestätigt der Brite. „Es ist einfach ein weiterer Fehler von ihm, den er in einem Kampf gemacht hat. Das kann aber ziemlich schnell passieren. Es ist nicht so einfach. Doch wenn man in einer Gruppe fährt, muss man eine gewisse Sicherheitsreserve haben. Das lehnt er ab. Dadurch ist er so schnell, aber es kann eben auch schnell zu solchen Situationen kommen.“

„Er verzichtet einfach auf nötige Reserven und bremst im Kampf eben nicht ein oder zwei Motorradlängen eher, um noch eine Sicherheit zu haben“, analysiert Smith und versteht, dass sich einige seiner Kollegen beschweren und den Fahrstil des 20-Jährigen kritisieren: „Es war schon immer so bei ihm. Andere Fahrer sind damit nicht zufrieden und beschweren sich.“

Eine Strafe würde Smith für den Vorfall in Aragon nicht aussprechen. Doch in Summe sieht er dennoch Handlungsbedarf: „Es ist ein wiederkehrendes Problem, dass er in die Hecks anderer Fahrer fährt. Wir haben es in Jerez drei oder vier Mal beobachtet. Bei anderen Rennen wiederholte es sich“, berichtet der Tech-3-Pilot- „Einzeln betrachtet sind es Rennsituationen. Doch nimmt man alle Vorfälle zusammen, dann erkennt man, dass es ein größeres Problem ist. Dann muss die Rennleitung entscheiden.“

„Es ist ein Rennen. Man muss diese Sicherheitsreserve haben, sollte der Fahrer vor einem eher bremsen. Man muss sich an dem Vorausfahrenden orientieren und kann nicht nur auf seinen eigenen Bremspunkt schauen. Das gilt besonders in solch einer Kurve, die so eng ist, bergab geht und immer mehr zumacht. Es ist eine schwierige Kurve“, unterstreicht Smith und erinnert sich an die Aggressivität, die einst Markenkollege Lorenzo an den Tag legte. Doch durch die Sperre – Lorenzo musste in der Saison 2005 das Rennen in Malaysia auslasse -, agiert der MotoGP-Champ von 2010 und 2012 deutlich überlegter.

Crutchlow sieht keinen Grund für eine Strafe
„Marc sollte sich bewusst werden, was er auf der Rennstrecke macht. Ich sage nicht, dass er ans Ende der Startaufstellung muss. Jorge musste ein Rennen aussetzen. Er berichtete, dass er dadurch nachdenklich wurde“, vergleicht Smith. Im Gegensatz zu Smith ist Cal Crutchlow weniger besorgt, Marquez sei eine tickende Zeitbombe. Für den Briten, der bei den vergangenen Rennen nicht an der Spitze fahren konnte, war es ein gewöhnlicher Rennvorfall.

Dennoch konnte sich auch Crutchlow einen Spaß nicht verkneifen: „Sie sollten ihn einsperren, damit er nicht zu den nächsten Rennen kommen kann“, scherzt der zukünftige Ducati-Pilot. „Marquez war nicht außer Kontrolle. Sicher musste er eine weite Linie wählen, doch er konnte trotzdem das Rennen gewinnen. Ich denke nicht, dass er bestraft werden sollte. Er gewann das Rennen anständig und ehrlich.“

„Er könnte argumentieren, dass Dani zu früh bremste. Da spielen viele Dinge mit rein. Wenn es Marc passiert wäre, dann hätte es nicht viel Aufregung gegeben. Er hätte dann gesagt: ‚Ein Sensor ging kaputt und ich stürzte.‘ Das ist der Unterschied“, bemerkt Crutchlow. Einen Vergleich mit Simoncelli, der in der Saison 2011 für seine Aggressivität oft kritisiert wurde, lehnt der Brite ab. „Er hat Dani nie vom Motorrad gefahren. Es sind 25 Motorräder auf der Strecke. Die Fahrer wollen sich überholen und machen dabei manchmal Fehler.“

Text von Sebastian Fränzschky

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