© Honda

Livio Suppo ist ein Vertreter der These, dass nicht die Technik allein darüber entscheidet, ob ein Motorrad in der MotoGP ein Siegerbike ist oder nicht. Sondern er sagt, dass auch der Fahrer, seine Psyche und das Image einer Marke eine Rolle dabei spielen, ob ein Hersteller mit seinem Bike siegen kann. Suppo weiß, wovon er spricht. Der Italiener war von 2003 bis 2009 in der MotoGP Teammanager bei Ducati und wechselte danach ins Management von Honda.

Laut Suppo hat ein Team nicht nur größere Chancen, wenn es zwei Toppiloten hat, die sich gegenseitig anspornen. Sondern auch das Image des Motorrads verändert sich durch den Faktor Mensch. Er verweist darauf, dass seit 2007 bei normalen Bedingungen nur vier Piloten Rennen gewonnen haben: Valentino Rossi, Casey Stoner, Jorge Lorenzo und Dani Pedrosa. Zwar hätten auch Chris Vermeulen, Loris Capirossi und Andrea Dovizioso Einzelsiege eingefahren, doch die seien alle vom Wetter beeinflusst gewesen.

„Von diesen vier Fahrern waren zwei bei Yamaha. Für die anderen Hersteller war das ein Problem, denn wenn du den Ruf hast, das beste Bike zu haben, ist alles viel einfacher. Die Piloten haben das Gefühl, es liegt an ihnen, und die jungen Piloten wollen alle für dich fahren“, wird Suppo von ‚Crash.net‘ zitiert. In diesem Zusammenhang erinnert er sich an 2002, als Max Biaggi mit Yamaha Siege holen konnte. Und als Suppo mit ihm darüber verhandelte, 2003 ins Ducati-Werksteam zu kommen, sei der Italiener davon überzeugt gewesen, „dass man in dieser Meisterschaft ohne eine Honda nicht gewinnen kann.“

Suppo erinnert sich: „Deshalb habe ich Claudio Domenicali und Filippo Preziosi gesagt: ‚Ich weiß, dass Max auf dem Papier starker ist. Aber Loris Capirossi ist seit drei Jahren in einem Satellitenteam und er träumt von einem Platz in einem Werksteam. Der andere war vier Jahre in einem Werksteam, und er träumt von einer Satelliten-Honda!'“ Capirossi kam ins Werksteam und holte bereits im sechsten Rennen den ersten Sieg von Ducati in der MotoGP. Für Suppo ein gutes Beispiel dafür, welche Rolle die positive Einstellung eines Fahrers spielt.

Als weiteres Beispiel nennt Suppo die vergangene Saison, als Jorge Lorenzo nach dem Rennen in Aragon in einem Motivationsloch war. Zum ersten Mal in dieser Saison hatte er es nicht auf das Podium geschafft, sein einigen Rennen hatte er auch nicht mehr gewonnen. Dazu kam, dass Teamkollege Valentino Rossi auch noch nicht wieder fit war und auf Lorenzo keinen Druck ausüben konnte.

„Also hat Jorge immer mehr darüber gesprochen, dass das Bike Probleme hat und wie sich Honda mit Dani gesteigert hat“, erklärt Suppo. „In seinem Kopf war das Bike nicht gut genug, und zwei oder drei Zehntel blieben vielleicht wegen mangelnder Motivation liegen. Das ist menschlich. Wir denken, dass sie Roboter sind, aber wir sprechen hier über Zehntelsekunden.“

Lorenzos Motivation im Endspurt

Das habe sich aber schlagartig wieder geändert, als Rossi in Sepang gewonnen hat: „Jorges Aggression war zurück und er hat zwei der drei letzten Rennen gewonnen. Valentino hat mit seinem Sieg gezeigt, dass das Bike funktioniert, und Jorge musste zeigen, dass er der wahre Weltmeister ist.“

Und das habe dem Spanier für den Endspurt die nötige Motivation gegeben. Suppo glaubt nicht, dass Lorenzo am Schluss deshalb so erfolgreich war, weil er durch den vorzeitigen Titelgewinn in Sepang nichts mehr verlieren und mehr riskieren konnte. Sondern Suppo glaubt, dass der Spanier zeigen wollte, dass er zu Recht Weltmeister ist.

„Wenn er in den letzten Rennen nicht gewonnen hätte, dann hätten die Leute gesagt, dass Jorge nur mit Glück Weltmeister wurde“, sagt Suppo. „Denn die Leute erinnern sich nur an das Ende einer Saison, nicht an den Anfang.“ Genauso sei es gewesen, als Nicky Hayden 2006 den Titel geholt hat.

Der Italiener betont, dass ein Hersteller eigentlich zwei Siegpiloten braucht, damit das Motorrad den Ruf hat, das Beste zu sein. Als Beispiel nennt er Yamaha. Rossi war von 2004 bis 2007 der einzige Pilot, der auf der M1 Rennen gewinnen konnte. In der öffentlichen Wahrnehmung war aber nicht das Motorrad unschlagbar, sondern allein Rossi. Damals galt die Honda nach wie vor als bestes Bike, zumal Yamaha 2007 einige Probleme mit der M1 hatte.

Das änderte sich erst, als Lorenzo zum Yamaha-Team kam, ein weiterer Pilot, der Siege holen konnte. „2008, 2009 und 2010 war das Bike ‚unglaublich‘, und ‚Valentino war so gut darin, die Maschine zu entwickeln'“, betont Suppo. „Als Jorge noch nicht da war, hat niemand gesagt, dass Yamaha das beste Bike hatte. In den ersten vier Jahren, als Valentino damit gearbeitet hat, hatte niemand diesen Eindruck. Wenn also die Legende stimmt, dass Valentino und Jeremy Burgess ein ‚Megabike‘ bauen können, dann hätte sich das vorher zeigen sollen. Die Yamaha war erst dann das ‚beste Bike‘, als ein zweiter herausragender Pilot dazu kam, der Valentino schlagen konnte.“

Wer dominiert 2011?

In dieser Saison wird das Fahrerfeld neu gemischt, und es wird sich zeigen, welchen Anteil dieser Faktor Mensch haben wird. Denn Rossi ist zu Ducati gegangen und Stoner ist neu bei Honda, wo nun sogar drei Piloten fahren. Natürlich bestehe die Gefahr, dass sich die drei Honda-Piloten gegenseitig die Punkte wegnehmen, räumt Suppo ein: „Aber das ist okay, solange sie vor den Yamahas und Ducatis sind. Aber falls Jorge allein vorne weg fährt und den Saisonstart dominiert, dann könnten wir ein Problem haben.“

Doch man müsse erst einmal abwarten, wie die ersten drei Rennen verlaufen. Stoner sei in Katar unschlagbar, wenn er nicht stürzt, Pedrosa habe in Jerez große Chancen auf den Sieg. Und in Motegi seien alle drei Honda-Piloten extrem schnell unterwegs, während Yamaha dort in der vergangenen Saison nicht gut aufgestellt war. „Und falls Jorge in den ersten vier Rennen keinen Sieg holt, werden ihn die Medien fragen, ob es ohne Rossi keine Weiterentwicklung bei Yamaha gibt. Und ihr wisst, dass Jorge daran zu beißen hat“, meint Suppo.

Und wie wird sich Rossi bei Suppos ehemaligem Ducati-Team schlagen? Suppo hat keinen Zweifel, dass der „Doktor“ erfolgreich sein, doch es müssten noch andere Faktoren passen. „Bei den Ressourcen von Ducati braucht man auch ein bisschen Glück“, weiß er. „Damit Ducati dominiert, ist etwas Spezielles nötig. Man muss sehr clever sein oder Glück haben. Je größer das Unternehmen, umso mehr Möglichkeiten hat man, es früher oder später zu schaffen. Man hat mehr Geld, um den Fahrer zu zahlen, man kann das Bike weiterentwickeln und so weiter.“

Wenn man etwas analysiere, müsse man die Dinge langfristig betrachten, gibt Suppo zu bedenken: „Es ist ein Fehler, nur das letzte Rennen anzuschauen, oder die vergangene Woche deines Lebens. Langfristig gesehen, hat Honda die höchsten und längsten positiven Zyklen. Yamaha liegt ein bisschen dahinter, und bei Ducati geht es mehr auf und ab.“

Text von Britta Weddige

Motorsport-Total.com
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