Valentino Rossi - © FGlaenzel

© FGlaenzel – Der Yamaha-Werkspilot spricht über die Zweifel vor dem Saisonstart und sein Scheitern bei Ducati: Lieber Rücktritt als weitere Jahre mit der Desmosedici

Altmeister Valentino Rossi ist am vergangenen Wochenende in seine mittlerweile 18. Saison in der Motorrad-Weltmeisterschaft gestartet.

Nach einer sehenswerten Aufholjagd konnte der neunmalige Weltmeister beim Grand Prix in Katar als Zweiter aufs Podium steigen. Einzig Teamkollege Jorge Lorenzo war beim Saisonauftakt schneller als Rossi. Dennoch stand die eindrucksvolle Rückkehr vom „Doktor“ im Fokus des Interesses.

Dabei waren die Zweifel vor dem Saisonstart groß. Hat sich Rossi von den zwei schwierigen Jahren bei Ducati erholt? Kann er auch mit 34 Jahren die teilweise deutlich jüngeren Piloten herausfordern? Auch Rossi stellte sich selbst viele Fragen und wollte so schnell wie möglich Klarheit. Die Rückkehr ins Yamaha-Werksteam war die einzige Chance, die offenen Fragen zu beantworten.

„Ich bezweifle nicht, dass ich stark und in einer guten Verfassung bin. Ich kann gute Kämpfe abliefern. Doch die anderen Fahrer, die nächste Generation, ist stärker, schneller und konzentrierter. Man kann es mit einem Update seines Telefons oder seines Computers vergleichen. Wenn die nächste Generation kommt, dann ist das wie ein Upgrade“, erklärt er den Kollegen von ‚Motor Cycle News‘.

„Zudem hat sich unser Sport stark verändert. Als ich dazu kam, waren die anderen Fahrer seriös, aber deutlich freier waren. Nun haben die besten MotoGP-Piloten ein anderes Leben, essen immer richtig, gehen zeitig ins Bett und trinken nie Alkohol“, bemerkt der siebenmalige MotoGP-Champ, der bei seinem Aufstieg in die Königsklasse mit Fahrern wie Kenny Roberts jun., Max Biaggi, Alex Barros oder auch Loris Capirossi kämpfen musste.

Ungebremste Lust auf die MotoGP

Im Gegensatz zu Casey Stoner hat Rossi nach wie vor genug Passion für den Motorrad-Sport. „Meine Leidenschaft für das Motorradfahren macht den Unterschied aus. Ich bin damit aufgewachsen, es ist mein Leben. Auch nach 18 Jahren hat meine Leidenschaft nicht nachgelassen. Das ist der Grund“, schildert der Italiener, der kein Geheimnis daraus macht, dass sich seit seinem Einstieg in die Weltmeisterschaft im Jahre 1996 einiges verändert hat.

„Viele Dinge haben sich verändert. Es ist nicht mehr das gleiche. Der Grund, warum man es macht, ist ein anderer. Als ich jung war, war ich sicher ein anderer Mensch, doch die Leidenschaft ist die gleiche“, betont Rossi, der noch einige Jahre lang an den Start gehen möchte. „Wir können uns glücklich schätzen in unserem Sport. Man kann bis etwa 40 gut mithalten. Ich habe also noch ein paar Jahre vor mir.“

„Ich mag dieses Leben sehr. Das Motorradfahren macht mir zuerst einmal sehr viel Spaß. Zudem arbeite ich in der Woche gerne mit meinem Team zusammen“, hält Rossi fest. Auch 2013 bleibt Rossi seiner langjährigen Crew treu. Nicht nur Crewchief Jeremy Burgess, der seit Rossis Zeit bei Honda dabei ist, auch Alex Briggs, Brent Stephens, Bernie Ansiau, Gary Coleman und Matteo Flamigni hielten Rossi die Treue.

Als sich Rossi im Sommer 2012 dazu entschied, es bei Yamaha noch einmal zu versuchen, war er bereits 33 Jahre alt. Kein Vergleich zum jungen Rossi, der mit 20 Jahren furchtlos auf einer Honda NSR500 saß. „Man denkt mehr nach. Das ist normal. Doch dafür hat man mehr Erfahrung und ist ruhiger. Man ist geduldiger und hat weniger Druck. Es gibt also Nachteile und Vorteile“, vergleicht der „Doktor“.

Abrechnung mit Ducati

Die wohl schwärzeste Zeit werden wohl die Jahre 2011 und 2012 bleiben. In der Saison 2010 wurde Rossi erstmals von Teamkollege Lorenzo geschlagen und musste seine MotoGP-Krone weiterreichen. Der Wechsel zu Ducati zog Rossi dann den Boden unter den Füßen weg. Bereits beim ersten Test mit der Desmosedici deutete sich an, dass die Ducati und Rossi offensichtlich vermutlich keine Freunde werden. Im späteren Saisonverlauf und auch in der Saison 2012 bestätigte sich das.

„Ich bereue es nicht, weil ich denke, dass es einen Versuch wert war. Doch nach sechs oder sieben Monaten habe ich verstanden, dass es unmöglich oder zumindest sehr schwierig wird. Ducati ist in vielen Punkten anders als Honda und Yamaha, die Arbeitsweisen und die Denkweisen unterscheiden sich“, erklärt der ehemalige Ducati-Werkspilot. „Der größte Unterschied ist die Menschlichkeit der Japaner.“

„Wenn man mit Yamaha oder auch Honda, besonders aber mit Yamaha, spricht und etwas Negatives über das Motorrad sagt, dann ist das für die japanischen Ingenieure nichts Schlechtes. Es ist etwas Gutes, weil sie verstehen, wie sie das Motorrad verbessern können. Bei Ducati war das manchmal nicht der Fall. Zuerst einmal trauen sie dir nicht zu 100 Prozent und zweitens sind sie ziemlich verärgert, weil man sagt, dass das Motorrad ein Problem hat“, berichtet Rossi.

Gedanken an einen MotoGP-Abschied

Schlaflose Nächte hat der Italiener aber nicht wegen dem Scheitern bei Ducati. „So etwas kann passieren. Wenn ich in die Vergangenheit blicke, dann kann ich sagen, dass die Herausforderung bei Ducati die einzige war, die ich verloren habe“, hält er fest. „Ich wurde zu Valentino Rossi, weil ich mich immer schwierigen Herausforderungen stellte. Ich habe mir nie gesagt, ‚ich bleibe hier, weil es einfacher ist‘. Das kann passieren.“

Doch was wäre gewesen, wenn Rossi bei Yamaha keinen Platz bekommen hätte? „Ich hätte mich dazu entschieden, aufzuhören. Wenn ich hätte so weitermachen müssen, dann wäre ich eventuell zu den Superbikes gegangen. Es war auf jeden Fall für mich beendet“, stellt er klar. Damit bestätigt sich, dass Rossi bei der Entwicklung der Desmosedici mit seinem Latein am Ende war.

„Alle Fahrer erwarteten von mir, dass ich eine halbe Sekunde pro Runde schneller bin als die anderen Fahrer. Das war auch wahr, bis Stoner, Pedrosa und Lorenzo dazukamen. Als ich zu Ducati kam, befand ich mich in einer schwierigen Phase meiner Karriere. Ich kam nach zwei schlimmen Verletzungen, meiner Bein- und Schulterverletzung, die mir sehr viele Probleme bereiteten“, blickt Rossi zurück.

Das Phänomen Casey Stoner

Dass Casey Stoner mit der eigenwilligen Ducati dennoch eine Meisterschaft gewinnen konnte, ist für Rossi dennoch kein Rätsel: „Das Ergebnis sagt, dass er eine Meisterschaft gewonnen hat, als er Bridgestone und Pedrosa und ich Michelin fahren mussten. 2007 war der Unterschied bei den Reifen groß. Die Ducati war schwierig zu fahren, aber auf der Geraden dafür sehr schnell.“

„Nach 2007 konnte Stoner nie wieder eine Meisterschaft gewinnen, aber drei oder vier Rennen pro Saison gewinnen. Das kann ich nicht verstehen“, bemerkt der bei Ducati gescheiterte Rossi. „Stoner kann mit diesem Motorrad fahren und war der einzige in der Geschichte. Alle anderen Fahrer mussten ihre Karrieren beenden oder zu den Superbikes gehen. Als ich bei Yamaha war, konnte ich nicht verstehen, warum Stoner bei Ducati den Unterschied ausmacht. Doch ich kann es jetzt immer noch nicht verstehen. Er konnte dieses Motorrad fahren, das so schwer ans Limit zu bringen ist.“

Auch nach dem Weggang zu Ducati dürfte Rossi einer derjenigen sein, die am ehesten eine Vorstellung davon haben, ob Ducati jemals wieder um Siege und Meisterschaften kämpfen kann. „Wenn sich bei Ducati durch Audi ein paar interne Dinge ändern, dann können sie innerhalb von zwei Jahren den Anschluss wiederherstellen. Doch wenn sich nichts ändert, dann werden sie nie wieder zurückkehren“, ist sich „Vale“ sicher.

Text von Sebastian Fränzschky

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