(Motorsport-Total.com) – Superbike-Vizeweltmeister Nicolo Bulega hat sich an seinem ersten Tag als MotoGP-Fahrer in Szene gesetzt. Zur Vorbereitung auf seine Rolle als Ersatzfahrer für Marc Marquez in Portugal hatte der Italiener lediglich 30 Testrunden in Jerez (Spanien). In kürzester Zeit musste er sich mit der Weltmeistermaschine von Ducati vertraut machen.
Das schaffte Bulega mit Bravour. Am Trainingstag in Portimao blieb er fehlerfrei, sturzfrei und konnte sich im Feld behaupten. Im ersten Training fuhr er eine persönliche Bestzeit von 1:40.073 Minuten und hatte 0,928 Sekunden Rückstand. Das bedeutete Platz 14.
Im Qualifying-Versuch am Nachmittag blieb die Stoppuhr bei 1:38.986 Minuten stehen. Mit dieser Zeit hatte Bulega 1,012 Sekunden Rückstand und belegte Platz 17. „Ehrlich gesagt“, lobt Teamkollege Francesco Bagnaia, „er hat mich beeindruckt.“
„Hierher zu kommen, nach Portimao, einer der anspruchsvollsten Strecken mit Michelin, mit anderen Reifen als in Jerez, anderem Grip als in Jerez, und dann eine Rundenzeit zu fahren, die nur eine Sekunde hinter dem Spitzenreiter liegt – das ist beeindruckend.“
Bulega sagt selbst nach dem Freitag, als alle Augen auf ihn gerichtet waren: „Ehrlich gesagt, wenn ich mir den Rückstand ansehe, ist er gar nicht so schlecht. Mein einziges Ziel war, Erfahrungen zu sammeln, auf dem Motorrad zu bleiben, viele Runden zu fahren.“
„Und all diese verschiedenen Dinge zu verstehen, die sich von der Superbike-WM unterscheiden. Devices, Carbonbremsen, der Motor ist etwas stärker, die Reifen – sehr, sehr unterschiedliche Reifen.“
„Es gibt keinen einzigen Unterschied, der unglaublich wäre, aber alles zusammen ergibt in Summe einen großen Unterschied“, vergleicht Bulega die Prototypen-Serie mit der seriennahen Weltmeisterschaft. „Ja, es ist viel.“
„Das größte Problem im Moment ist, dass ich beim Fahren zu viel nachdenken muss. Ich muss das Ride-Height-System bedienen, ich muss überlegen, wann ich bremse, weil sich der Vorderreifen anders verhält als der Pirelli. Ich muss also meinen Fahrstil beim Bremsen stark anpassen.“
Bulega arbeitet im Ducati-Werksteam mit Marco Rigamonti, dem Crewchief von Marc Marquez zusammen. Aber auch Tommaso Raponi, sein regulärer Crewchief in der Superbike-WM, ist in der Box. So will man Bulega beim MotoGP-Debüt bestmöglich unterstützen.
Vorderbremse mit Michelin ganz anders als in der WorldSBK
Das zeigt sich auch bei einem technischen Detail. An Bulegas Ducati ist beim linken Lenkergriff neben dem Kupplungshebel zusätzlich ein Hebel für die Hinterradbremse montiert. Das gleiche Set-up verwendet Bulega auch bei seiner Panigale in der Superbike-WM.
„Ja, ich benutze diese Hinterradbremse hier wie bei einem Scooter, weil ich das auch in der Superbike immer so gemacht habe. Wenn du dir mein Superbike ansiehst, das Motorrad ist genauso eingestellt. Das gefällt mir, daher wollte ich es auch hier so haben.“
Und wie unterscheidet sich der Michelin-Vorderreifen zum Pirelli? „Ich spüre beim Bremsen viel Blockieren beim Vorderrad“, beschreibt der 26-Jährige. „Heute Morgen habe ich schon in den ersten Runden gemerkt, dass ich beim Bremsen manchmal das Vorderrad verliere.“
„Man muss also den Fahrstil stark anpassen, denn in der Superbike kann man beim ersten Druck auf die Bremse sehr aggressiv sein und spürt sofort, wie das Motorrad verzögert. Hier ist das nicht so stark, also muss ich meinen Stil ändern.“
„Nach zwei Jahren in der Superbike-WM mit den Pirelli-Reifen ist es nicht einfach, den Fahrstil an einem Tag umzustellen. Ich denke, wenn ich natürlicher fahren kann, ohne über all das nachzudenken, werde ich schneller sein.“
Und wie fällt im Vergleich eine Portimao-Runde mit der Desmosedici aus? „Ich hatte erwartet, dass ich größere Probleme haben würde. Am Ende war es okay“, meint Bulega. „Heute war ja kein Rennen, ich habe oft in der Box angehalten, mich ausgeruht und etwas getrunken.“
„Ehrlich gesagt ist es also nichts Verrücktes, denn die Superbike-WM ist nicht wie die Moto2. Die Superbike-WM ist körperlich schon anstrengender als die Moto2. Deshalb denke ich, dass ich für die MotoGP körperlich besser vorbereitet bin als ein Moto2-Fahrer.“
Warum Bagnaia am Vormittag hinter Bulega war
Im Vormittagstraining war Bulega sogar um zwei Zehntelsekunden schneller als sein Teamkollege Bagnaia. Das hatte aber einen Grund. „Ich hatte mich am Vormittag für den falschen Vorderreifen entschieden“, erklärt Bagnaia seinen Rückstand.
„Wir haben einfach beschlossen, ihn nicht zu wechseln, weil auf dieser Strecke nicht klar ist, welcher Reifen für die Bedingungen besser ist – der weiche oder der harte.“ Das Vormittagstraining fuhr Bagnaia mit dem Medium-Vorderreifen durch, Bulega wechselte auf den weichen.
Für das restliche Wochenende kommt für Bagnaia nur der weiche oder harte Vorderreifen infrage. Somit hatte er im ersten Training einen Reifen gespart. „Am Nachmittag, sobald ich mit dem weichen Vorderreifen gefahren bin, fühlte ich mich deutlich wohler.“
„Insgesamt war es ein guter erster Tag“, nickt Bagnaia nach Platz zwei. „Das Gefühl verbessert sich, ich habe mich im Verlauf des Tages gesteigert. Wir wissen also, wohin wir morgen gehen müssen, aber im Moment passt alles.“
„Das Gefühl ist ähnlich wie in Sepang. Der Punkt ist, dass wir derzeit ein anderes Set-up verwenden als das, was wir hier normalerweise benutzen. Zu Beginn des Tages war das für mich nicht ganz klar, aber dann begann ich, mich daran anzupassen, und es wurde etwas besser.“
„Wir haben verstanden, dass es in dieser Saison auf diese Weise besser funktioniert, also ziehen wir es vor, nicht zu viele Dinge zu verändern, sondern einfach dabei zu bleiben und mich selbst weiter zu verbessern“, so der zweimalige Portimao-Sieger. Auch bei der Rennpace war er in den Top 5.
Text von Gerald Dirnbeck, Co-Autor: German Garcia Casanova
Quelle, Infos, Hintergrundberichte: www.motorsport-total.com/
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