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Von Can “xyx36“

Um ehrlich zu sein – wenn ich zu meinen Racing-Zeiten daran gedacht habe, irgendwann bei „der Show“ zu sein, dann war Laguna Seca auch immer ein Teil dessen. Zur WM hab ich es bekanntlich nicht geschafft, aber umso mehr freut es mich, diese Strecke nun doch als „xyx36-infiltriert“ abhaken zu können.

An diesem, für Kalifornien ungewöhnlich kalten Morgen fahre ich westwärts auf dem Monterey Salinas Highway 68, um dort einer Einladung zu folgen, auf dem Laguna Seca Raceway zu fahren.

Das Örtchen fällt durch seine Motorsport-Zugehörigkeit auf. Zielflaggen gibt’s hier so häufig wie die Stars ’n’ Stripes – also ganz oft. Riesige Plakate kündigen die MotoGP an, die hier im Sommer residieren wird. Nicht nur wegen der Schönheit der Gegend, sondern auch wegen des etwas zu klein geratenen Hinweisschildes rausche ich erst einmal an dieser berühmt-berüchtigten Rennstrecke vorbei.

Vielleicht bin ich auch ein wenig nervös, weil ich gleich auf die Mutter aller Schikanen treffen werde, die Corkscrew nämlich. Eine nette alte Dame nimmt meine Daten auf, bevor ich ins Fahrerlager darf. Was mich dort erwartet, ist nicht besser als das, was man früher einmal in Most/CZ zu sehen bekommen hat… Schmutz in den Ecken und verrostete Maschendrahtzäune. Eine Autorennschule auf der einen und eine Gulaschkanone auf der anderen Seite runden das Bild ab. Die hölzerne Burger-Bude verteilt keine Nümmerchen- und man steht auch nicht Schlange. Statt dessen nimmt man Namen auf und ruft halt durch. Nur: Auf „John“ hören hier halt viele… So ’ne Scheiße, die sollten stattdessen die Social Security Number hernehmen.

Als ich den in unschuldiges Weiß gehüllten Marshall frage, ob ich ein Foto in der Boxengasse machen kann, winkt er mich sogar in seinen Kommandostand hinauf, direkt über Start/Ziel, wo er auch die Moto GP und die AMA mit Flaggensignalen beglückt. „Jim“ ist ein Haudegen, der schon alles gesehen hat. Aber ich lerne schnell noch mehr nette Leute kennen, und „Mike“ vertraut mir sogleich seine 999R an. Er ist dennoch extremst nervös, weil er weiß, dass ich zum ersten Mal in Laguna Seca fahre und eine „european-off-bike-season“ hinter mir habe.

Mit einem Zwinkern im Auge verhängt er mir ein Wheelie-Verbot „Sure dude, don’t put your money on it!“ Später gehe ich mit der neuen R6 raus, die mir vom Veranstalter zur Verfügung gestellt wurde. An dem Eimer reiße ich am Curb in der Corkscrew die rechte Raste ab. Die Curbs wandern scheinbar wie tektonische Platten auseinander und geben San-Andreas-mäßige Spalten frei. Da war’s um die Raste geschehen…

Jetzt aber schnell umziehen und die für Europäer ach so gewohnte Winterpause verdrängen. Das gelingt so weit gut, denn Wut fördert Adrenalin dorthin, wo’s hingehört: in die Eier. Man hat mich nämlich mit der Ducati vom Platz verwiesen, weil ich zwischen Turn 5 und 6 zuviel Lärm verbreite. Very funny – denn auf der Straße interessiert im TÜV freien Kalifornien niemanden eine offene Tüte, auf dieser Rennstrecke aber schon. Ich halte naturellverbiegenderweise mal die Fresse und lasse das Adrenalin schön wirken. Nun aber rauf auf die R6.

Vorweg: Eine Gerade, oder irgendwas zum Ausruhen, is´ hier nich´. So wird nämlich auch schon die Start/Ziel-Passage zur echten Mutprobe. Du bläst im 5. Gang in einer langen Links über eine Kuppe hinweg, und das Bike will dabei Pfötchen geben. Hier kann man sich jedoch seinen Gegner recht schön zurechtlegen, um ihn auf Turn 2 zu ordentlich ausbremsen zu können.

Strategisch bereits sehr wichtig, denn wenn Du es verstehst, Dich danach breit wie ein Truck zu machen, wird´s verdammt schwer, Dich zu knacken. Turn 2 besteht auch aus 2 Scheitelpunkten, mit denen man auch herrlich spielen kann. Jetzt nicht zu weit hinaustragen lassen und sanft durch den Rechtsknick gleiten.

In leichter Schräglage bremst man nun Turn 3 an. Ui, hat mir die vielleicht Spaß gemacht. Schön viel Drehzahl mitnehmen und im Drift heraus beschleunigen auf Turn 4 zu, in die man sich regelrecht hinein wirft. Weit raus auf den Curb und wieder einfädeln nach rechts durch den Knick.

Von nun an wird´s tricky. Turn 5 ist schneller, als sie ausschaut, ist mit ein paar Rillen versehen und durchläuft das Tal. Auch hier musst du viel Speed und Drehzahl mitnehmen, um auf dem Bergauf zu Turn 6 hinauf nicht abzustinken.

Und weil es hier so extrem den Hügel hinauf geht, kann man auch gepflegt spät bremsen. Allerdings tut man das fast blind… Denn obwohl es bergauf geht, kann man Turn 6 nicht einsehen, da die Einfahrt hinter einer Kuppe auf Dich wartet. Nicht, dass dies alles wäre… Durch die schnelle Links führt es auch gleich wieder rapide bergauf. Kompliziert?! Jaja – dann fahrt erst mal wirklich durch. Im TV kommt das Eck nicht so rüber, aber vertraut mir, das Baby is´ nix für schwache Nerven.

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Und jetz´ kömmt´s dicke.
Da oben wartet die Corkscrew auf mich, wie eine Klapperschlange, die in der Prärie kaum zu sehen ist.

Der Kampf mit ihr beginnt schon den Hügel hinauf. Du hältst Dich links und kannst hart und spät bremsen, aber weil Du die Fuhre auf ein Plateau (Turn 7) hinauf schiebst, wirst Du plötzlich wieder leicht und musst die Bremse lösen, da Dir ansonsten das Vorderrad blockiert. Bremsen musst Du aber immer noch, und die Corkscrew ist noch immer nicht zu sehen. Bis in den 2. Gang runter und plötzlich siehst Du links in den Abgrund hinein.

Schnell musst Du das Bike aufstellen, aber es dauert eine Weile, bis Du weißt wann. Denn wenn Du das zu früh machst, fährst Du über den Curb rechts, und der schickt Dich in die nimmer weichende Betonmauer auf der anderen Seite. Ich krieg noch eins obendrauf, denn die riesige, bereits tief stehende kalifornische Sonne gleißt zwischen den Bäumen durch. Das Vorderrad steigt auf, während ich meinen Arsch von links nach rechts verlege… Rumms, fällt der Asphalt nach unten ab. Es ist, als ob Du in einer Boeing 747 sitzend in ein Luftloch fällst. Noch bevor das Bike wieder schwer wird, musst Du den Richtungswechsel bekannt geben. Es dauert, bis Du das haarscharf an den Curbs vorbei machen kannst. Ich beschleunige nun hart durch die Rechts (Turn 8A), die nicht mehr so stark abfällt, und fädele mich von fast ganz links nach fast ganz rechts ein.

Turn 9 ist schnell und knallt in die Birne. Das Ding ist irgendwie immer noch Teil der Corkscrew. Sie windet sich aus den Hügeln hinaus, zieht sich zweimal zu und fällt derart ab, dass Du glaubst, sie will Dich auf den Kopf drehen. Du starrst in den Asphalt und musst den Hals verdrehen, um den Kurvenausgang zu sehen. Brutal und mit viel Wheelspin spuckt sie Dich wieder aus.

Von weit rechts nach links rüber und dann hart und kurz auf die Bremse für Turn 10. Die wiederum ist den anderen gegenüber so „normal“, dass sie Dir mal eben langweilig vorkommt. Durch den Speed, den Du da rein drückst, relativiert sich das aber wieder schnell.

Turn 11 hat schon viele Rennen entschieden. Eine Ecke, in der auch schon mal gerempelt und geschoben wird. Damit solltest Du als Racer umzugehen wissen. Hart heraus beschleunigen und jetzt nur noch mit hoch erhobenem Vorderrad dem Ziel entgegen eilen… Yeeehhhaaa!

Meine Erkenntnis…
Ich bin traurig, in Laguna Seca keine Rennen gefahren zu sein. Na ja, stattdessen fahre ich nun mit meinen Klienten als Superbike-Coach durch die Corkscrew, wann immer ich will.

Man wird sich in Laguna Seca wie die Sau im Schlamm fühlen, wenn man eine Mischung aus Technik- und Bolzkurs mag. Bis auf wenige Passagen musst Du hier eigentlich ständig Deine Eier in den Händchen halten.

Ich hatte mein Schlammbad… quasi?

Laguna Seca auf » Rennstrecken.TV

Can Akkaya begann 2004 unter dem Nicknamen „xyx36“ zu schreiben. 2006 erschien sie als Buch. Seine „Racers-Story …25 Sekunden…“

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Eine Antwort auf Laguna Seca der Technik- und Bolzkurs

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