Stefan Bradl - © Motorsport Images

© Motorsport Images – Stefan Bradl benötige ein paar Rennen, um sein gewohntes Tempo wieder zu finden

(Motorsport-Total.com) – HRC-Crewchief Santi Hernandez zählt zu den erfolgsverwöhntesten Menschen im Fahrerlager der MotoGP.

Der langjährige Wegbegleiter von Marc Marquez feierte in den vergangenen Jahren Siege und WM-Titel in Serie. Doch mit der Verletzung von Marquez endete diese Erfolgsserie.

Im Exklusiv-Interview mit ‚Motorsport-Total.com‘ spricht Hernandez über die MotoGP-Saison 2020, die Einsätze von Stefan Bradl und die Lehren, die er aus dieser ungewöhnlichen Saison zog. Honda-Ersatzpilot Bradl hat Hernandez nach einem durchwachsenen Start in die Saison „positiv überrascht“.

„Es war ein sehr schwieriges Jahr, es war wirklich sehr hart“, gesteht Hernandez. „Am Anfang war es ziemlich kompliziert. Zuerst dachten wir, dass Marc schneller zurückkommen könnte. Deshalb bereitet man sich mental nicht auf eine so lange Abwesenheit vor. Wir dachten, er würde zwei oder drei Rennen verpassen, bei denen wir mit Bradl als Testteam arbeiten würden.“

Zu zeitiges Comeback: Honda hat Marc Marquez nicht unter Druck gesetzt
Der Marquez-Crewchief entlastet Honda, was das zeitige Comeback beim zweiten Jerez-Rennen angeht: „Honda hat zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Forderungen an uns gestellt. Sie verstanden die Situation und gaben uns viel Sicherheit, was in solchen Fällen am wichtigsten ist. In einem so komplizierten Jahr kann ich nur dankbar sein für die Behandlung, die wir von Honda erhalten haben. Es war ein echter Augenöffner.“

Ab dem Tschechien-Grand-Prix in Brünn saß Stefan Bradl auf der Werks-Honda von Marquez. „Die Umstellung war riesig. Normalerweise kämpfen wir jedes Wochenende um den Sieg oder einen Platz auf dem Podium. Unser Ziel ist es, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Plötzlich mussten wir uns ganz andere Ziele setzen“, erinnert sich Hernandez, der sich um die RC213V von Bradl kümmerte.

Besonders zu Beginn fiel es Bradl schwer, den Anschluss zu finden und an seine alten Leistungen anzuknüpfen. „Der Wechsel von Marc zu Bradl hat mir klar gemacht, dass es für den Großteil des Feldes jedes Wochenende nicht um den Sieg sondern um Punkte geht“, kommentiert Hernandez.

Marquez-Crewchief lernt, kleinere Brötchen zu backen
„Ich bin seit 2011 mit Marc zusammen und unser Ziel war immer nur, zu gewinnen. Da denkt man, das ist normal, aber das ist im Fahrerlager nicht normal. Ein gutes Ergebnis ist ein Platz in den Top 10. Was passiert ist, hat mich mehr schätzen lassen, was ich neben Marc habe. Das Beste, was uns in diesem Jahr passiert ist, ist, dass jeder von uns seine eigene Motivation gefunden hat“, erklärt der HRC-Crewchief.

„Ein Beispiel für diese Motivation war in Portimao“, erinnert sich Hernandez und beschreibt die Szenen nach dem Sturz beim finalen Renn-Wochenende des Jahres: „Stefan ist gestürzt und hat das Motorrad zerstört. Ich habe noch nie ein so zerstörtes Motorrad gesehen.“

„Und sogar unser Chef, Takeo (Yokoyama), sagte uns, dass er verstehen würde, wenn keine Zeit für eine Reparatur bliebe. Die Mechaniker machten sich an die Arbeit und hatten sogar Zeit, nach dem Fertigstellen des Motorrads einen Kaffee zu trinken“, blickt Hernandez zurück. „Am Ende des Jahres waren wir sehr stolz auf das, was wir als Team geleistet haben.“

Santi Hernandez freut sich über Stefan Bradls Entwicklung
„Auch für Stefan war es nicht einfach“, ist sich Hernandez bewusst. „Wir sprechen von einem Piloten, der als Testfahrer einberufen wurde und plötzlich zum regulären Fahrer wird, der zusätzlich alle geplanten Tests durchführen muss. In diesem Fall haben wir versucht, Bradl so gut wie möglich zu helfen, damit er sein Maximum zeigen kann.“

„Das Ziel war es, ihn in den letzten Rennen in die Top 10 zu bringen. Und das haben wir geschafft“, freut sich der Honda-Mitarbeiter. „Beim Finale qualifizierte er sich direkt für Q2. Stefan hat am Ende das Tempo und die Geschwindigkeit angezogen, und dafür ist auch das Team mitverantwortlich.“

„Er hat uns alle überrascht, auf eine positive Art“, stellt Hernandez fest. „Er hat sich sehr gut an die Mannschaft angepasst. Er hat sich in die Rolle eines Witzbolds begeben. Ich war überrascht, wie ehrlich er ist. Aufgrund der Umstände und seiner Rolle als Testfahrer wäre es in manchen Momenten einfach gewesen, zu sagen, dass die Probleme am Motorrad liegen.“

Stefan Bradls Ehrlichkeit beeindruck den Marquez-Crewchief
„Aber in dieser Hinsicht war er sehr ehrlich. Und es gab viele Momente, in denen er sich bei mir bedankte, als ich versucht hatte, ihm mit dem Motorrad zu helfen. Aber das Problem bei ihm lag. Er kam gerade von einem Test und sagte mir, dass das Problem bei ihm lag, nicht beim Motorrad. Und dass er etwas Spielraum brauchte, um wieder in die Spur zu kommen“, erinnert sich Hernandez.

„Diese Ehrlichkeit wissen wir sehr zu schätzen. Er hat gezeigt, dass er ein großartiger Testfahrer ist und hat eine Situation gemeistert, die gar nicht so einfach war“, lobt er den Honda-Testfahrer. Bradl konnte bei seinen Einsätzen insgesamt 27 WM-Punkte einfahren und beendete die Saison auf der 19. Position der Fahrerwertung.

Text von Sebastian Fränzschky, Co-Autor: Oriol Puigdemont

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