Jorge Lorenzo Valentino Rossi - © Motorsport Images

© Motorsport Images – Jorge Lorenzo und Valentino Rossi bescherten Lin Jarvis (mitte) harte Zeiten

(Motorsport-Total.com) – Am 14. Juni 2009 hielten die Fans der MotoGP weltweit den Atem an.

Beim Katalonien-Grand-Prix in Barcelona kam es zwischen Valentino Rossi und Jorge Lorenzo zu einem der hitzigsten Duelle der MotoGP-Geschichte. Vorausgegangen war eine erbitterte Rivalität, die sich nach dem Rennen auf dem Kurs in Barcelona auf dem Höhepunkt befand.

Valentino Rossi war jahrelang die klare Nummer eins bei Yamaha. Mit seinem spektakulären und riskanten Wechsel von Repsol-Honda ins Yamaha-Werksteam in der Saison 2004 setzte der Italiener seine Karriere aufs Spiel. Doch Rossi war auch nach dem Transfer erfolgreich und machte sich bei seinen Fans unsterblich.

Bereits in seiner ersten Yamaha-Saison gewann Rossi die Meisterschaft. Es folgte ein weiterer Titel in der Saison 2005. Nachdem Rossi 2006 knapp gegen Honda-Pilot Nicky Hayden unterlag und 2007 von Ducati-Pilot Casey Stoner klar besiegt wurde, begann 2008 eine neue Zeitrechnung.

Als Yamaha den Zorn von Valentino Rossi auf sich zog
Yamaha hatte Jorge Lorenzo verpflichtet, um sich für die Zukunft zu rüsten. „Ich war sauer auf Yamaha“, gesteht Rossi im Gespräch mit ‚MotoGP.com‘. „Sie waren der Meinung, dass ein Newcomer nötig war.“ Rossi war zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alt und befand sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

„Ich fragte mich, warum sie das taten. Ich setzte für 2004 auf Yamaha, als sie sehr langsam waren. Wir gewannen gemeinsam viele Meisterschaften. Ich hatte es nicht verdient, dass Jorge Lorenzo mein Teamkollege wird“, erklärt Rossi.

Für Yamaha war es wichtig, einen starken zweiten Fahrer zu haben, um sich für die eigene Zukunft vorzubereiten. „Sie entschieden sich für mich“, bemerkt Jorge Lorenzo. „Das gefiel ihm nicht, doch Yamaha musste an die eigene Zukunft denken und nicht nur an die Gegenwart.“

„Es ist normal, dass es ihm nicht gefiel. Das ist menschlich, denn man will immer sein Territorium und seinen Status beschützen“, kommentiert Jorge Lorenzo. Doch Rossis Alter war für Yamaha nicht die einzige Motivation, einen starken jungen Fahrer zu verpflichten.

„Valentino testete 2006 den Formel-1-Ferrari“, erinnert sich Davide Brivio, der damals Teammanager bei Yamaha war. „Wir erwarteten, dass Valentino in ein oder zwei Jahren in die Formel 1 wechseln wird.“

Für die Formel 1 wäre Rossi ein großer Gewinn gewesen. Der charismatische Italiener hätte in der Königsklasse des Automobilsports für frischen Wind gesorgt.

Doch Rossi entschied sich, der MotoGP weiterhin treu zu bleiben und sich der neuen Generation zu stellen. Jorge Lorenzo war ein Teil dieser neuen Generation. Der Spanier debütierte 2008 nach zwei Titeln in der 250er-WM.

Pole beim MotoGP-Debüt: Jorge Lorenzo setzt Valentino Rossi unter Druck
Jorge Lorenzo erlebte einen nahezu perfekten Einstand. Crewchief Ramon Forcada erinnert sich an den Katar-Grand-Prix: „Wenn ein neuer Fahrer bei seinem ersten Rennen die Pole holt und auf das Podium fährt, dann besorgt das natürlich den Fahrer, der die eigentliche Nummer eins im Team ist.“

„Normalerweise ist der König immer der König. Doch diese neue Generation mit Dani Pedrosa, Casey Stoner und Jorge Lorenzo respektierte das nicht auf der sportlichen Ebene. Das war neu für Valentino“, blickt Ramon Forcada zurück.

Valentino Rossi realisierte schnell, wie stark Jorge Lorenzo ist und fühlte sich auf eine gewisse Art hintergangen. Rossi hatte zusammen mit seiner Crew aus der Yamaha M1 ein siegfähiges Motorrad gemacht. Und jetzt kam dieser junge Spanier, der sich ins gemachte Nest setzte und erfolgreich war.

Als aus dem Yamaha-Werksteam zwei getrennte Teams wurden
„Beide Fahrer wurden zu erbitterten Rivalen, als Jorge demonstrierte, dass er ein echter Gegner beim Kampf um den Titel ist“, erinnert sich Yamaha-Rennleiter Lin Jarvis. Es dauerte nicht lange, bis es eigenartige Entwicklungen gab, wie die Wand zwischen den beiden Yamaha-Werksfahrern.

„Wir waren genau genommen zwei Teams. Es gab zwei Teammanager. Ich kümmerte mich um Valentinos Seite“, erklärt Davide Brivio. Jorge Lorenzo bestätigt, dass im Yamaha-Werksteam keine gute Stimmung herrschte: „Wir sprachen nur miteinander, wenn es keine andere Möglichkeit gab.“

In der Saison 2008 holte sich Valentino Rossi die MotoGP-Krone zurück. Jorge Lorenzo erlebte nach einem überraschend starken Saisonstart einige Rückschläge und wurde durch Stürze zurückgeworfen. Doch für seine zweite Saison in der Königsklasse war der Spanier besser vorbereitet.

Barcelona 2009: Das Duell Rossi vs. Lorenzo begeistert die Massen
Es zeichnete sich ab, dass es 2009 zu einem WM-Duell zwischen Valentino Rossi und Jorge Lorenzo kommen wird. Honda-Pilot Dani Pedrosa und Ducati-Pilot Casey Stoner waren ebenfalls stark unterwegs, doch das Yamaha-Werksduo war konstant schneller.

Jorge Lorenzo kam als WM-Führender zum Heimspiel nach Barcelona. Er hatte zwei der ersten fünf Rennen gewonnen. Valentino Rossi hatte nur einen Sieg vorzuweisen und lag fünf Punkte zurück. Es war offensichtlich, dass „Il Dottore“ und seine Crew unter Erfolgsdruck standen.

Bereits in den Trainings lieferten sich Rossi und Lorenzo einen erbitterten Schlagabtausch. „Oft waren wir identisch schnell. Ich schaute mir die Daten an. Wir hatten unterschiedliche Stile, doch am Ende einer Runde gab es meist keinen Unterschied. Besonders in Barcelona war es schwierig. Es war Jorges Heim-Grand-Prix. Andererseits war es eine meiner Lieblingsstrecken“, erinnert sich Rossi.

Im Qualifying setzte sich Lorenzo hauchdünn gegen Rossi durch. Die Yamaha-Werkspiloten lagen innerhalb von 0,013 Sekunden. Zu Platz drei klaffte bereits eine Lücke von 0,452 Sekunden. Es lief also auf ein Duell der Yamaha-Piloten hinaus.

Rossi erinnert sich an das Rennen: „Ich versuchte, zu entkommen. Dann versuchte er, zu entkommen.“ Das Rennen war geprägt von einer Vielzahl von Überholmanövern. Keiner der Fahrer konnte sich absetzen. Es lief auf ein Duell in der letzten Runde hinaus.

Wie Schlitzohr Valentino Rossi doch noch gewinnen konnte
In Kurve 1 bremste sich Lorenzo in Führung. Rossi konterte wenige Kurven später, konnte die Linie aber nicht halten. Es wurde ein Angriff in Kurve 10 erwartet. Doch Rossi war zu weit weg. Lorenzo führte das Rennen an und befand sich auf Kurs zu Saisonsieg Nummer drei.

„Jorge dachte, dass er das Rennen gewinnt, wenn er als Führender aus Kurve 10 kommt“, kommentiert Crewchief Ramon Forcada. Doch er hatte die Rechnung ohne Rossi gemacht. „Jorge machte einen Fehler, denn ich erkannte beim Fahren, dass er sich ein bisschen entspannt hat“, erinnert sich Rossi.

Valentino Rossi zündet seinen Joker erst in der letzten Kurve
„Ich wusste, dass es in der letzten Kurve nicht unmöglich ist, weil ich 2007 das gleiche Manöver gegen Stoner ausübte. Ich dachte mir, dass sich vielleicht eine weitere Chance bietet“, erklärt Rossi, der sich bereits am Vortag mit seiner Crew über ein mögliches Überholmanöver in der letzten Kurve unterhalten hatte.

Ex-Teammanager Davide Brivio erinnert sich: „Wir unterhielten uns über die letzte Kurve und meinten, dass er es in der letzten Runde machen soll, wenn es denn möglich ist. Er sollte es nicht vorher zeigen.“

„Er fuhr nicht im dritten sondern im zweiten Gang“, erklärt Alessio „Uccio“ Salucci. „Er schaltete also einen Gang weiter zurück, um das Motorrad zu verzögern. Als er ans Gas ging, konnte er besser beschleunigen.“

Nach dem Rennen sah man Lorenzo die Enttäuschung an. „Er bremste härter und später als ich. Ich fuhr höhere Kurvengeschwindigkeiten. Er besiegte mich, weil ich unerfahren war“, kommentiert der Spanier. „Er war auf der Bremse stärker und hatte mehr Erfahrung. Er verfügte über ein besseres Gespür, wenn es darum ging, zu wissen, was in den beiden finalen Kurven zu tun ist.“

Wilde Feierstimmung in der Box von Valentino Rossi
In der Box der Nummer 46 herrschte nach dem Sieg eine Stimmung, wie man sie zuvor und danach nie wieder beobachten konnte. Die Crewmitglieder sprangen wild durch die Box und umarmten sich. Der angestaute Druck entlud sich binnen weniger Sekunden.

„Es war der Moment, in dem das Adrenalin am höchsten war“, schaut Rossi auf das Rennen in Barcelona zurück. „Es war die letzte Kurve in der letzten Runde in solch einem Rennen nach einem Wochenende wie diesem in einer derartigen Saison. Für so etwas müsste man normalerweise ein Skript schreiben. Es war ein toller Moment.“

Die wilden Feierlichkeiten in Rossis Box kamen bei Lorenzo und seinen Leuten nicht gut an. „Sie feierten diesen einen Sieg mehr als den Gewinn einer Meisterschaft“, erinnert sich Lorenzo, der es dem Team übel nahm, so exzessiv zu feiern.

Vergiftete Stimmung im Yamaha-Werksteam
Zwischen Rossi und Lorenzo und deren Crews entstand ein noch größerer Graben. „Ab diesem Moment änderte sich etwas im Team“, bestätigt Elektronikingenieur Matteo Flamigni. „Vorher lag es nur in der Luft. Nach diesem Moment konnte man es fühlen. Etwas war nicht richtig.“

„Am Dienstag oder am Mittwoch nach dem Rennen gab es ein großes Meeting mit beiden Teammanagern“, berichtet Davide Brivio. „Wir versuchten, die Spannung abzubauen, doch es herrschte ein großer Druck. Es war ein sehr angespannter Moment.“

Yamaha-Rennleiter Lin Jarvis ist überzeugt, dass Jorge Lorenzo durch die Niederlage vor den heimischen Fans gestärkt hervorging. „Meiner Meinung nach verstand Lorenzo durch dieses Überholmanöver, wie er das nächste Level erklimmen kann“, erklärt Jarvis.

Der Sieg in Barcelona ebnete Rossi den Weg, um die Meisterschaft zu gewinnen. Bei den folgenden fünf Rennen kam er stets vor Lorenzo ins Ziel und vergrößerte damit den Vorsprung in der WM. Es sollte Rossis letzter Titel werden. Im Jahr darauf dominierte Lorenzo, der auch 2012 und 2015 den Titel holte.

Text von Sebastian Fränzschky

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