Ducati Desmosedici - © Motorsport Images

© Motorsport Images – Die Ducati Desmosedici ist das wohl innovatiste aller MotoGP-Bikes

(Motorsport-Total.com) – Die MotoGP ist die technologische Spitze im Motorradbau. In keiner anderen Rennserie kommen so komplexe Technologien zum Einsatz wie in der Königsklasse der Motorrad-WM.

In der Vergangenheit konnten einige der Entwicklungen in die Serie übertragen werden. In den zurückliegenden Jahren entwickelten sich die MotoGP-Bikes zu futuristischen Geschöpfen, bei denen man sich fragen muss, welche Rolle sie noch für den Transfer in die Serie spielen.

Es gibt eine lange Liste an Technologien, die aus dem Rennsport kommen und sich in der Serie etablieren konnten. Dazu zählt zum Beispiel die Traktionskontrolle, die man heutzutage in nahezu jedem Serienmotorrad vorfindet. Aber auch in Sachen Aerodynamik konnten Erfahrungen übertragen werden. Moderne Superbikes verfügen zum Großteil über aerodynamische Elemente, die den Abtrieb vergrößern.

Andere Technologien, wie zum Beispiel das kostspielige Seamless-Getriebe, das in der MotoGP-Saison 2011 in der Honda RC212V debütierte und nahtlose Schaltvorgänge ermöglicht, haben bisher noch nicht den Weg in die Serie gefunden.

Honda: Keine MotoGP-Innovationen in der Serie?
„Es stimmt, dass wir das Seamless-Getriebe bisher nicht in einem Serienmotorrad verbaut haben“, kommentiert Honda-Ingenieur Takeo Yokoyama. „Doch wir konnten sehr viele Dinge in der MotoGP lernen. Wir haben Elektronikeinstellungen erarbeitet, mit denen wir die Konstanz verbessern konnten.“

„Das Seamless-Getriebe selbst wurde bisher nicht (in die Serie) übernommen. Doch es gab einen Grund, warum wir es in der MotoGP verwenden. Einige Technologien und Aspekte wurden aber übertragen. Deshalb ist die MotoGP wichtig“, unterstreicht Takeo Yokoyama die Bedeutung der MotoGP.

Honda zählt dennoch zu den Herstellern, die vergleichsweise konservativ mit dem Wissen umgehen, das in der MotoGP erarbeitet wird. Zwischen dem Superbike und dem MotoGP-Bike gibt es seit 20 Jahren große Unterschiede, was die Konfiguration angeht.

Das sportliche Flaggschiff der Honda-Produktpalette, die CBR1000RR-R Fireblade, verfügt über eine andere Motorkonfiguration wie das MotoGP-Bike. Während Honda in der MotoGP mit einem V4-Motor antritt, kommt beim Superbike ein Reihen-Vierzylinder-Motor zum Einsatz.

Ducati, Yamaha und Aprilia haben Superbikes im Programm, die über die gleiche Motorkonfiguration wie die jeweiligen MotoGP-Bikes verfügen.

Yamaha bietet den Crossplane-Motor im Superbike an
Yamaha entwickelte in der MotoGP den Reihen-Vierzylinder-Motor mit Hubzapfenversatz und Big-Bang-Zündfolge. Der charakteristisch klingende Crossplane-Motor unterscheidet sich deutlich von den klassischen Reihenmotoren mit Screamer-Zündfolge. Der Motor wurde mit dem Ziel entwickelt, die Fahrbarkeit und die Traktion zu verbessern

Seit über zehn Jahren wird die Yamaha R1, das Superbikes von Yamaha, mit dem Crossplane-Motor ausgerüstet. Während der MotoGP-Motor aber über eine pneumatische Ventilsteuerung verfügt, müssen sich R1-Kunden aus Kostengründen mit klassischen Ventilfedern zufriedengeben. Der Crossplane-Motor ist nicht die einzige Entwicklung, die Yamaha aus dem Grand-Prix-Sport in die Serie übertragen konnte.

„Die Yamaha R1 verwendet Technologien, die in der MotoGP entstanden sind, wie die Traktionskontrolle, die Anti-Wheelie-Kontrolle und den Schaltautomat für das Hoch- und Runterschalten“, erklärt Yamaha-Ingenieur Kazutoshi Seki.

Ducati pflegt eine enge Verbindung zwischen Rennsport und Serie
Kein anderer Hersteller brachte in den zurückliegenden Jahren neue Technologien schneller in die Serie als Ducati. Die 1098R war das erste Straßenmotorrad mit Traktionskontrolle. Die Panigale V4R brachte Winglets im MotoGP-Stil in die Serie. Zudem gibt es bei keinem Hersteller eine engere Verbindung zwischen MotoGP- und Superbike-Motor.

Ducati verwendet bei der Panigale V4 nicht nur das gleiche Motorkonzept wie im Grand-Prix-Sport. Die Italiener bieten ihren Kunden als einziger Hersteller die gleiche Ventilsteuerung wie in der MotoGP an. Bei den Panigale-Modellen werden die Ventile über die Desmodromik gesteuert, die auch bei der Desmosedici hohe Drehzahlen ermöglicht.

Andere Technik-Highlights, wie das Seamless-Getriebe oder das höhenverstellbare Fahrwerk, konnte aber auch Ducati noch nicht in die Serie bringen. „Man sollte niemals nie sagen. Dinge, die jetzt unmöglich auf die Serie übertragbar zu sein scheinen, könnten in den kommenden Jahren möglich sein. Es gibt aber einige Dinge, bei denen es schwierig ist, sie in der Serie zu verwenden“, bemerkt Ducati-Technikdirektor Davide Barana.

Unwahrscheinlich: Carbonbremsen beim Serien-Superbike
„Dazu zählen auch die Carbonbremsen, die hohe Temperaturen benötigen, um richtig zu funktionieren. Es ist schwierig, diese Temperaturen im Straßenbetrieb zu halten“, nennt Davide Barana den Grund für den Verzicht auf die leistungsstarken und teuren Carbonbremsen.

„Bei der Aerodynamik hingegen können wir viele Entwicklungen übertragen. Das gilt auch für den Motor. Vor einigen Jahren präsentierten wir den V4-Motor, der direkt vom Rennmotor abstammt. Wir transferieren sehr viele Dinge auf unsere Sportmotorräder“, erklärt der Ducati-Ingenieur.

Doch nicht nur der Transfer von Technologien ist für Ducati reizvoll. Die Italiener nutzen die MotoGP auch, um ihre Ingenieure auszubilden. „Die Erfahrungen aus dem Rennsport sind für Ducati sehr wichtig, um eine methodische Arbeitsweise zu transferieren. Wir bilden Ingenieure aus. Es gibt einen großen Austausch mit den Ingenieuren der Rennabteilung und andersrum“, schildert Davide Barana.

„Der Leiter der Entwicklung der Serienmodelle ist ein guter Kollege und Freund, mit dem ich zehn Jahre in der Rennabteilung zusammengearbeitet habe. Wir tauschen und sehr regelmäßig aus und unterstützen uns. Das ist sehr wichtig für ein Unternehmen wie Ducati, das nicht so groß ist wie die Japaner“, unterstreicht der Ducati-Verantwortliche.

Höhenverstellung lässt sich in der Serie einfacher umsetzen
Aprilia-Technikdirektor Romano Albesiano bestätigt, dass es in den kommenden Jahren voraussichtlich kein Serien-Superbike mit MotoGP-Bremsen geben wird: „Man wird an einem Serienmotorrad wohl keine Carbonbremsen in der nahen Zukunft sehen.“

Skeptisch ist Romano Albesiano auch beim höhenverstellbaren Fahrwerk, das in der MotoGP für viele Diskussionen sorgte. „Diese Ride-Height-Devices sind ein Ergebnis der Regeln. Man würde eine andere Technologie verwenden, wenn man ein Straßenmotorrad mit einem Ride-Height-Device ausrüsten würde. Doch die Regeln in der MotoGP verhindern das“, deutet Romano Albesiano eine elektronische Höhenverstellung an.

KTM bietet seinen Kunden kein Superbike an
Von den fünf verbliebenen Herstellern in der MotoGP ist KTM der einzige Hersteller, der kein Superbike anbietet. Das sportliche Flaggschiff im Onroadbereich der Österreicher ist die 1290 Super Duke, ein 180 PS starkes Naked-Bike mit einem V2-Motor.

Die KTM RC16 unterscheidet sich vor allem im Bereich Motor stark von den Modellen, die KTM in der Serie anbietet. Doch auch wenn es keine offensichtlichen Gemeinsamkeiten gibt, so profitieren die KTM-Serienmodelle laut Technikdirektor Sebastian Risse dennoch von der Arbeit in der MotoGP.

Sebastian Risse erklärt: „Im Moment verwendet niemand ein Seamless-Getriebe bei einem Serienmotorrad. Doch was wir hier gelernt haben, konnte dennoch übertragen werden. Wir konnten einige Details deutlich verbessern.“

„Natürlich gibt es einige Komponenten, die bisher nicht verwendet werden. Doch ich stimme Davide zu: Man sollte niemals nie sagen“, bemerkt der KTM-Verantwortliche, der nicht genau prophezeien will, was in den kommenden Jahren von der MotoGP in die Serie übertragen werden kann.

Fakt ist aber, dass mechanisch betätigte Höhenverstellungen wie in der MotoGP wohl kaum in der Serie landen, weil es dank der Elektronik einen einfacheren Weg gibt, das Fahrwerk bei einem Serienmotorrad zu verstellen.

„Ich stimme Aprilia zu, dass das Ride-Height-Device heraussticht und nicht verwendet wird. Diese Technologie liegt hinter dem zurück, was ohnehin eingesetzt werden könnte bei einem Straßenmotorrad“, bestätigt Sebastian Risse von KTM.

Text von Sebastian Fränzschky

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