Cal Crutchlow Jack Miller - © Motorsport Images

© Motorsport Images – Cal Crutchlow sieht in Jack Miller einen künftigen Weltmeister

(Motorsport-Total.com) – „Ich bin nicht überrascht“, sagt Cal Crutchlow über die MotoGP-Saison 2020 mit ihren neun verschiedenen Siegern und 15 unterschiedlichen Fahrern auf dem Podest.

Er glaubt: „Selbst wenn Marc (Marquez; Anm. d. R.) hier gewesen wäre, hätte man eine Menge verschiedener Rennsieger und Podestfahrer gesehen.“

Zu Beginn der Saison hatte sich Marquez bekanntermaßen schwer verletzt, was ihn dazu zwang, für den Rest des Jahres zuzusehen. Nachdem Fabio Quartararo (Petronas-Yamaha) und Andrea Dovizioso (Ducati) die WM-Tabelle zwischenzeitlich angeführt hatten, setzte sich im Kampf um den Titel am Ende Suzuki-Pilot Joan Mir durch.

Er gewann mit 13 Punkten Vorsprung auf Franco Morbidelli (Petronas-Yamaha), der sich den Vizetitel sicherte. Die Top 10 trennten nach 14 Saisonrennen gerade einmal 55 Punkte. Im Gespräch mit dem Podcast ‚In The Fast Lane‘ nennt Crutchlow Gründe für die hohe Leistungsdichte und das enge Fahrerfeld der Königsklasse.

Crutchlow: Leistungsdichte in der MotoGP „fantastisch“
„Im Grunde genommen ist jetzt jeder in der Startaufstellung mit einem Werksbike unterwegs. Es gibt kein Motorrad in der Startaufstellung, das nicht im Vorjahr ein Werksbike in einem Werksteam war oder kein Werksbike ist, direkt vom Hersteller“, weiß Crutchlow. Der Unterschied zu Satellitenteams und -bikes sei marginal.

„Wir reden hier über winzige Kleinigkeiten. Und ich weiß, dass viele winzige Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob man gewinnen oder nicht gewinnen kann. Aber im Grunde glaube ich, dass alle Motorräder gut sind. Die Leistungsdichte ist jetzt fantastisch in der MotoGP. Es ist ein wirklich starkes Feld mit einer Menge junger Fahrer.“

Zu ihnen zählt auch Mir, dem es bereits in seinem zweiten MotoGP-Jahr gelungen ist, den Titel zu holen und Marquez als Weltmeister zu beerben. „Wenn Marc hier gewesen wäre, hätte er um den Titel gekämpft, daran gibt es keinen Zweifel“, sagt Crutchlow, „aber man darf in diesem Titelkampf eben keine Fehler machen.“

Saison 2021 ähnlich eng und spannend wie zuletzt?
„Mir hatte zwei Ausfälle. Bei einem davon ist er direkt vor meinen Augen von der Strecke gekegelt worden. Wenn ihm das nicht passiert wäre, hätte er einen viel souveräneren Vorsprung gehabt, weil er so konstant war – so wie Marc es bisher auch gemacht hat.“ Wie wird sich Dynamik im Feld verändern, wenn er zurückkehrt?

„Ich denke, nächstes Jahr, egal ob Marc zurück ist oder ob es einen normalen Rennkalender gibt, (…) werden wir etwas Ähnliches erleben. Man wird viele verschiedene Sieger sehen und eine Meisterschaft, die sich über den größten Teil der Saison hinziehen wird. Es wäre großartig, das zu beobachten“, blickt Crutchlow voraus.

Zwar räumt er in Bezug auf Marquez auch weiterhin ein: „Wir wissen, wie schnell er ist. Wir wissen, wie clever er ist. Wir wissen, dass er mit vielen Situationen umgehen kann, mit denen viele andere Fahrer nicht zurechtkommen. Und wir wissen, wie sehr er am Limit fährt, aber auch, wie sehr er das unter Kontrolle hat.“

Miller „der Einzige, der Marquez herausfordern kann“
Aber die Vergangenheit habe gezeigt, dass auch der achtfache Weltmeister nicht unschlagbar ist. Besondere Hoffnung setzt Crutchlow dabei in seinen langjährigen Kumpel und früheren Teamkollegen Jack Miller. Sein Rookie-Jahr verbrachte der Australier 2015 nämlich bei LCR-Honda an der Seite von Crutchlow.

„Es war toll, mit ihm in einem Team zu sein“, erinnert er sich und betont: „Ich war immer derjenige in der MotoGP, der gesagt hat, dass er vom Speed und vom Talent her auf dem Motorrad der einzige ist, der Marc Marquez herausfordern kann – vom Talent her, vom reinen Speed und von den natürlichen Fähigkeiten, jedes Motorrad zu fahren.“

„2015 war also offensichtlich nicht das Jahr, in dem es so weit war“, sagt Crutchlow weiter. „Aber dann haben wir gesehen, als er in Assen im Regen gefahren ist, dass seine Motorradbeherrschung unübertroffen ist, und seitdem hatte er auch einige tolle Fahrten.“ Der Regensieg in Assen blieb bis dato jedoch Millers einziger.

Blütezeit von Miller wird früher oder später kommen
In diesem Jahr kamen drei zweite und ein dritter Platz dazu. In der WM wurde der Pramac-Ducati-Pilot Sechster. „Es hat einfach noch nicht alles gepasst, um Marquez die Meisterschaft streitig zu machen, aber das wird schon noch, und ich bin mir sicher, dass er vorne mitfahren wird“, sagt Crutchlow in Bezug auf Miller voraus.

Für ihn sei er „einer der von Natur aus begabtesten und talentiertesten Fahrer im Feld“, schwärmt der Brite und mutmaßt: „Ich denke, dass er in den nächsten zwei, drei, vier Jahren um die Meisterschaft mitspielen kann. Aber vielleicht werden wir seine Blütezeit auch erst später sehen (…), wenn er 28, 29, 30 Jahre alt ist.“

Dass seine Zeit in jedem Fall kommen wird, dessen ist sich Crutchlow sicher – und teilt eine Anekdote aus Millers Anfängen in der MotoGP. „Nie vergessen werde ich den ersten Test in Malaysia. Es war das erste Mal, dass er ein MotoGP-Motorrad als solches fuhr, und er überholte mich in Kurve eins auf der Bremse.“

Crutchlow wusste es schon beim ersten Malaysia-Test
„Jetzt bremse ich schon spät mit der Honda. Und er muss von weit hinten gebremst haben, weil er in der Runde hinter mir war, wobei sein Motorrad nicht so schnell wie meines war. Man kann sich also vorstellen, wie spät er gebremst haben muss. Schon damals dachte ich mir, wenn er so weitermacht, dann sind wir in Schwierigkeiten.“

„Er hat sich gut geschlagen und jetzt sehen wir ihn Woche für Woche auf einem konkurrenzfähigen Bike. Ich glaube, dass er in der MotoGP weiter wachsen wird.“ 2021 dann als große WM-Hoffnung im Ducati-Werksteam, wo Miller zusammen mit Francesco Bagnaia die Speerspitze der Roten in der Königsklasse bilden wird.

Text von Juliane Ziegengeist

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