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© LAT – Jorge Lorenzo verhandelte mit Ducati und entschied sich dann gegen ein Renn-Comeback

(Motorsport-Total.com) – Wenn es in den über 17 Jahren, in denen Jorge Lorenzo ein Grand-Prix-Fahrer war, eine Sache gab, für die er bekannt war, dann war es seine Ehrlichkeit – eine Eigenschaft, die im Fahrerlager der MotoGP nicht allzu weit verbreitet ist und die sich auch nicht immer zu seinem Vorteil entwickelt hat.

Wie man im Interview erkennen wird, das über das Telefon von seinem Zuhause in Lugano (Schweiz) geführt wurde, berichtet Lorenzo in gewohnt aufrichtiger Manier, wie nah er an einer Rückkehr mit Ducati 2021 dran war. Er bestätigt, dass seine Rennkarriere nun definitiv vorbei ist und analysiert die aktuelle Situation der Meisterschaft – inklusive der Abwesenheit von Marc Marquez, Andrea Doviziosos Entscheidung, Ducati zu verlassen, und seine wenigen Tests als Yamaha-Testpilot.

Frage: „Wie sieht Ihr Alltag aus? Es wirkt, als ob Sie das Leben nach dem Rennsport genießen.“
Jorge Lorenzo: „Ich bin sehr glücklich. Ich habe alle Zeit der Welt, um das zu tun, was mich interessiert. Wenn ich Zuhause bin, verfolge ich einen Plan, um in Form zu bleiben. Ich trainiere am Morgen und habe am Nachmittag Freizeit, um meine Zukunft zu planen oder einfach nur Spaß zu haben.“

Frage: „Einige Sportler haben nach ihrer Karriere das Gefühl, ein Loch füllen zu müssen. Wir fühlen Sie sich diesbezüglich?“
Lorenzo: „Ich dementiere nicht, dass mir der Rennsport manchmal fehlt. Das Gefühl, zu gewinnen, das einmalig ist und nicht ersetzt werden kann. Oder das Feiern mit dem Team nach einem tollen Ergebnis. Diese Dinge fehlen mir am meisten.“

Andere Dinge, wie Verletzungen oder die Aufregung an einem Sonntagmorgen vor dem Rennen fehlen mir überhaupt nicht. Wir müssen akzeptieren, dass wir im Leben nicht alles haben können. Nach all dem, was ich erreicht habe, kam ich an einen Punkt, an dem die negativen Aspekte stärker waren als die positiven. Deshalb entschied ich mich dazu, ab sofort das zu genießen, wofür ich gearbeitet habe.“

Frage: „Über die mögliche Rückkehr mit Ducati wurde viel gesagt und geschrieben. Wie ernst haben Sie das tatsächlich in Betracht gezogen?“
Lorenzo: „Es war eine echte Möglichkeit und es wäre beinahe zustande gekommen.“

Frage: „Ducati meint, Sie haben sich dem Team angeboten, dass sie 2021 zurückkommen wollen.“
Lorenzo: „So war es nicht ganz. Während des Lockdowns erhielt ich einen Anruf von Gigi Dall’Igna (Ducati-Rennleiter; Anm. d. Red.). Er wünschte mir alles Gute zum Geburtstag. Wir sprachen über persönliche Angelegenheiten, die Familie und solche Dinge. Am Ende des Gesprächs fragte ich ihn aus Neugier, wie die Zukunft des Teams und der Fahrer aussieht.

„Kurz danach erhielt ich eine Nachricht von Michele Pirro (Ducati-Testfahrer; Anm. d. Red.) – halb im Spaß, halb ernst -, ob ich wieder zu Ducati zurückkehren möchte. In der Zeit zwischen dem Anruf von Gigi und der Nachricht von Michele erkannte ich ein gewisses Interesse seitens Ducati. Ich zog in Betracht, wieder Rennen zu fahren. Vielleicht war es während des Lockdowns für ein paar Monate oder weil ich das Gefühl von Siegen vermisste. Doch durch diesen Anruf wurde der Gedanke eines Comebacks losgelöst.“

„Wir nahmen die Verhandlungen auf. Doch als eine Einigung näher kamen, bekamen die Gründe, warum ich aufgehört habe, wieder mehr Gewicht. Nach einigen Tagen Bedenkzeit musste ich Gigi leider absagen. Ich fühlte mich sehr schlecht. Es tut mir nach wie vor leid, weil ich ihn in eine merkwürdige Position gebracht habe mit dem Werk, die ich hätte vermeiden können.“

„Wenn ich mir von Beginn an sicher gewesen wäre, dann hätte ich die Verhandlungen nie aufgenommen. Die Wahrheit ist, dass ich ihnen immer dankbar bin für das in mich gesteckte Vertrauen. Doch an diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass ich an mich denken muss. Ich kam zu dem Entschluss, dass es nicht mehr passt, ein Motorrad-Rennfahrer zu sein.“

Frage: „Denken Sie, dass sie jemals zurückkehren?“
Lorenzo: „Mit jedem Jahr sinkt die Chance, dass das passiert. Nachdem ich so eine schwierige Entscheidung traf, denke ich, dass meine Rennkarriere vorbei ist, auch wenn ich gern auf irgendeine Art und Weise dem Sport erhalten bleiben möchte.“

Frage: „Fabio Quartararo und Valentino Rossi meinten am vergangenen Wochenende, das sie nicht verstehen, warum Sie nicht stärker als Testfahrer eingebunden werden. Was ist der Grund dafür?“
Lorenzo: „Laut dem, was Yamaha mir mitgeteilt hat, sorgt der Coronavirus für logistische Probleme beim Personal, das von Japan kommt. Es ist sehr schade, dass ich meine Erfahrung nicht ins Projekt einfließen lassen konnte.“

Frage: „Sind Sie daran interessiert, Ihren Vertrag als Testpilot zu erneuern?“
Lorenzo: „Das ist mein Ziel. Ich hoffe, dass Yamaha mich nach wie vor möchte und sie ein Testteam aufbauen wollen, das dabei helfen kann, das Motorrad besser zu machen. Ich denke, dass ich mit meiner Erfahrung und meinem Gefühl viel beitragen kann.“

Frage: „Wurden Sie von anderen Herstellern angefragt?“
Lorenzo: „Ja.“

Frage: „Können Sie etwas präziser werden?“
Lorenzo: „Ich bevorzuge es, keine Namen zu nennen.“

Frage: „Warum ist die MotoGP in dieser Saison so unvorhersehbar und wechselhaft?“
Lorenzo: „Ich denke, dass die Dorna in den vergangenen Jahren einen tollen Job gemacht hab bezüglich der Regeln. Diese haben für mehr Chancengleichheit zwischen den Herstellern gesorgt. Das ist offensichtlich, wenn man sich die Rundenzeiten und die Verteilung der Siege anschaut.“

„Klar ist aus, dass der beste Fahrer nicht dabei ist. Das hatte einen Einfluss auf die Psyche der anderen Fahrer. Marcs Abwesenheit hat bei den anderen Fahrern dafür gesorgt, zu denken, eine echte Chance zu haben, Weltmeister zu werden.“

Frage: „Denken Sie anhand Ihrer Erfahrung, dass Marquez nicht von diesen wechselhaften Leistungen betroffen gewesen wäre?“
Lorenzo: „Es hätte davon abgehangen, wie gut sein Motorrad auf den verschiedenen Kursen gewesen wäre. Aber im Moment gibt es keinen Zweifel daran, dass er der stärkste und kompletteste Fahrer im Feld ist. Ich bin mir sicher, dass er Rennen gewonnen und um den Titel gekämpft hätte.“

Frage: „Denken Sie, die Schwierigkeiten von Honda unterstreichen, dass das Konzept ihres Motorrads überdacht werden sollte?“
Lorenzo: „Ich denke nicht, dass es Hondas oberstes Ziel war, ein fahrbareres Motorrad zu haben, als sie mich verpflichteten. Ich bin aber sicher, dass wir das erreicht hätten, wenn ich dort geblieben wäre. Marquez hat einen Stil, den man nicht nachmachen kann. Mit jedem Jahr passt sich das Motorrad immer mehr an diesen Stil an. Es bewegt sich weg von den Stilen der anderen Werkspiloten.“

„Die Menschen tendieren dazu, nach drastischen Lösungen zu schauen, wenn die Situation kritisch wird. Während Marc weiterhin Titel für Honda holt, denke ich nicht, dass sie ihre Herangehensweise ändern werden.“

Frage: „Was sagen Sie zu Doviziosos Entscheidung, Ducati zu verlassen, ohne ein anderes Angebot auf dem Tisch zu haben?“
Lorenzo: „Ich denke, dass Dovi und sein Manager klar gemacht haben, welche Bedingungen sie akzeptieren und welche nicht. Vielleicht dachten sie, dass Ducati schlussendlich einwilligt, doch das passierte nicht. Der Markt entwickelte sich sehr schnell. Mittlerweile hat er nicht mehr viele Optionen.“

Frage: „Würden Sie Bagnaia oder Zarco als Teamkollege von Miller verpflichten?“
Lorenzo: „Aus logischer Sicht denke ich, dass sie sich für Pecco (Bagnaia) entscheiden, vor allem nachdem er in Misano eine großartige Performance gezeigt hat, obwohl er nicht zu 100 Prozent fit war. Er hat eine große Zukunft vor sich. In gewisser Weise erinnert er mich an mich selbst mit den hohen Kurvengeschwindigkeiten und seinem sanften und eleganten Stil.“

Frage: „Waren Sie überrascht, dass Pol Espargaro bei HRC unterschrieb?“
Lorenzo: „Ich denke, dass Pol immer geglaubt hat, auf einer Honda schnell zu sein und auf ein ähnliches Niveau zu kommen wie Marc. Ich denke nicht, dass es einfach für ihn wird. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass mich ein Fahrer überrascht.“

Frage: „Erwarteten Sie, dass Vinales die Chance besser nutzt, ohne Marquez zu fahren?“
Lorenzo: „Ein bisschen, ja. Ich erwartete vor dem Saisonstart sehr viel von Maverick, weil er Ende 2019 und auch bei den Vorsaison-Tests stark war. Es wirkte, als hätte er das Selbstvertrauen und die Überzeugung gefunden, um den nächsten Schritt zu machen. Doch das passierte nicht. Bei den beiden Österreich-Rennen hatte er sehr viel Pech. Ihm mangelt es nicht an Talent oder Geschwindigkeit, doch man muss alles zusammenbringen, um Titel zu holen. Hoffentlich bekommt er das hin.“

Frage: „Was dachten Sie, als sie die Unfälle am Red-Bull-Ring sahen?“
Lorenzo: „Solche Geschehnisse erinnern daran, wie riskant unser Sport nach wie vor ist. Ein solcher Unfall kann das Leben binnen einer Sekunde verändern. Genau deshalb ist es intelligent, die Risiken abzuwägen, wenn man das Gefühl hat, seine Ziele erreicht zu haben.“

Text von Oriol Puigdemont

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