Michelin präsentierte in Katar mit dem Power RS den neuen Premium-Straßenreifen mit der bekannten 2CT/2CT+ Technologie sowie patentierten Neuerungen.

Motorradreifen. Kaum ein Thema erfreut sich unter Motorradfahrern so großer Beliebtheit, wie die schwarzen runden Dinger, die Mann und Maschine mit der Straße verbinden und diese fragile Bindung hoffentlich auch unter allen Bedingungen aufrechterhalten.

Wenn ich so auf die letzten 20 Jahre als aktiver Motorradfahrer zurückblicke, sind es dennoch nur wenige Pneus, die mir prägend in Erinnerung geblieben sind. Der Michelin Pilot Power ist einer davon. Aufgrund des extrem überzeugenden Gesamtpackets aus Grip, Handling, Laufleistung und Nasshaftung entwickelte sich die französische Pelle nach ihrer Einführung im Jahr 2004 schnell zu DEM Reifen für den engagierten Landstraßenfahrer – und wurde in den darauf folgenden Jahren zum Kassenschlager für Michelin.

Doch trotz Weiterentwicklung und nicht zuletzt aufgrund hervorragender Konkurrenzprodukte verlor die Michelin Pilot Power-Reihe immer mehr an Einfluss. Die letzte Entwicklungsstufe, der Power 3, spielte im Straßensportler-Segment dann nur noch eine untergeordnete Rolle. Um sich wieder stärker auf diesem Markt zu positionieren, folgte 2015 die Einführung des Supersport Evo, doch auch dieser Reifen konnte die Sportlergemeinde nicht wirklich überzeugen. Nun startet Michelin mit dem Power RS einen neuen Versuch und will nichts Geringeres, als ein neues Zeitalter bei den Straßenreifen einläuten.

Neue Ära, große Ziele
Nach nur zwei Jahren verabschiedet sich Michelin nun also schon wieder vom Supersport Evo und besinnt sich mit dem Power RS nicht nur auf den alten Namensstamm. Vor allem die Eigenschaften Agilität, Trockenhaftung und Stabilität, mit denen man die sportlichen Fahrer beim Pilot Power überzeugen konnte, standen bei der Entwicklung der neuen Reifengeneration im Fokus. Um die genannten Eigenschaften auf ein neues Level zu heben und an die vergangenen Erfolge anzuknüpfen,  dabei aber bei Laufleistung und Nassgrip (hier ist der Power 3 immer noch Klassenprimus) keine Abstriche zu machen, blieb in der zweijährigen Entwicklungszeit kaum ein Stein auf dem anderen. Zwar vertraut man beim neuen RS auch auf bestehende Michelin-Technologien wie den 2-Komponenten-Aufbau 2CT, beziehungsweise 2CT+ für das Hinterrad (hier setzt sich die härtere Gummimischung der Laufflächenmitten unter der softeren Mischung an den Flanken fort, siehe Abb.), bei den Gummimischungen geht Michelin aber völlig neue Wege und setzt auf eine innovative Mischung, die laut Michelin so ihres Gleichen sucht. Details zu den geheimen Zutaten gab es natürlich nicht, die Zauberformel setzt sich aber unter anderem aus einem höheren Silica-Anteil in der Laufflächenmitte für mehr Haftung bei Nässe sowie einem höheren Rußanteil im soften Teil der Mischung für noch besseren Trockengrip zusammen. Verbindendes Rückgrat sind ebenfalls völlig neue Elastomere. Was sich so nicht besonders spektakulär liest, wurde in 4 Jahren Forschungsarbeit entwickelt und war Michelin am Ende sogar ein Patent wert.

Michelin setzt beim Power RS auf neue Gummimischungen, verbaut diese aber im bekannten 2CT bzw. 2CT+ Verbund. Letzteren gibt es nur am Hinterrad. Hier setzt sich die harte Mischung (dunkel) zu den Flanken hin fort und sorgt so für zusätzliche Stabilität.

Die Gummimischung ist laut Michelin aber nicht die einzige revolutionäre Änderung. Um das essentielle Thema Stabilität sowohl bei Hochgeschwindigkeitsfahrten, als auch beim Herausbeschleunigen aus Kurven zu verbessern, bringt man im Power RS mit der ACT+ Technologie eine zweite, ebenfalls patentierte Neuentwicklung auf den Markt. Bei diesem Verfahren wird die Karkasse des Hinterrades am Rand umgeschlagen und so im Bereich der Reifenschultern gedoppelt. Die Polyesterkarkasse (Wicklung fast 90°) ist durch diesen Aufbau in der Reifenmitte sehr flexibel, was bei Geradeausfahrt für eine größere Auflagefläche und dadurch mehr Stabilität sorgen soll. Durch die am Rand gedoppelte Karkasse soll der Reifen auf den Schultern und Flanken aber dennoch extrem stabil sein und sich auch beim harten Beschleunigen am Kurvenausgang kaum verformen. Das hört sich auf jeden Fall schon mal vertrauenerweckend an.

DIE maßgebende Innovation am Power RS Hinterrad ist das ACT+ Konzept. Hier wird die Karkasse auf den Flanken umgeschlagen und die gedoppelte Lage soll für mehr Stabilität in Schräglage sorgen.

Doch nicht nur beim Unterbau geht man beim Power RS neue Wege. Da man neben Grip und Stabilität auch Handling und Feedback maßgeblich verbessern wollte, wartet Michelins neue Premium-Pneu noch mit einer weiteren Neuerung beim Querschnittprofil des Reifens auf und setzt beim Power RS auf unterschiedlich dicke Gummilagen. Während in der Reifenmitte mehr Gummi zum Einsatz kommt, ist die Gummilage auf den Schultern im Übergang zu den Flanke dünner, was dem Reifen ein besseres Handling und dem Fahrer mehr Feedback beschert. In Summe sollen die Eigenschaften den Power RS nicht nur zu einem herausragenden Sportreifen, sondern sogar zur neuen Referenz in seinem Segment machen. Dass man bei Michelin von den Qualitäten des Neuankömmlings mehr als überzeugt ist, sieht man gleich an zwei Punkten. Zum einen gibt man sich unbescheiden und will nichts Geringeres, als mit dem Power RS innerhalb der nächsten zwei Jahr die Marktführerschaft erobern. Zum anderen wählte man schon für die Präsentation einen absolut herausfordernden Ort.

Vergleich der Gummidicke des alten Power 3 (gestrichelt) und des neuen Power RS (blau). Gut zu erkennen: die dünnere Gummilage auf den Schultern des neuen Power RS.

Spaß hoch drei
Als Tester ist es immer etwas ganz Besonderes, wenn Präsentationen auf einem GrandPrix-Kurs stattfinden. Wenn man dann aber sogar eine Einladung zum Losail Circuit in Katar erhält und nur eine Woche nach den MotoGP-Piloten bei einer Nachtveranstaltung einem neuen Reifen auf den Zahn fühlen darf, ist das noch mal eine ganz andere Liga. Es gibt aber auch auf gewisse Weise schon eine Vorahnung darauf, welches Potential im neuen Gummi stecken könnte. Der Kurs in Katar gehört schließlich nicht nur zu den schnellsten Strecken im MotoGP-Kalender, auch die Temperaturen liegen hier immer im hochsommerlichen Bereich. Rundet man diese Kombination mit den aktuell stärksten Superbikes als Objektträger ab, hat man die perfekte Herausforderung für einen Straßenreifen der neusten Generation. Doch bevor es unter Flutlicht im Attackemodus um den Kurs ging, standen zwei Workshops auf der Michelin-Agenda, die auch die Alltagsqualitäten des Power RS sowie die verbesserten Eigenschaften gegenüber dem Vorgänger unter Beweis stellen sollten. Für den direkten Vergleich wurden auf der aktuellen BMW S1000RR jeweils drei Runden mit dem Power 3 und anschließend drei Runden mit dem Power RS absolviert. Leider war diese Session eher als Instruktoren-geführte Einführung in den Losail Circuit, denn als brauchbarer Vergleich zu werten, denn wenn man in der Dämmerung auf einer schwierig zu lernenden Strecke wie der in Katar seine ersten Runden absolviert, sind die Eindrücke eher nur bedingt aussagekräftig.

Ganz anders verhielt sich die Sache dann bei den Workshops zwei und drei, bei denen auf Yamaha YZF-R3 und KTM RC 390 auf einem Handling-Kurs die Agilität und bei einer Vollbremsung auf beregneter Strecke der Nassgrip des Power RS getestet wurde. Hier konnte die Pelle dann das erste Mal glänzen. Zwar müssen die kleineren Hinterrad-Dimensionen des Power RS (140er und 150er Reifen) ohne die ACT+ Technologie auskommen – was bei den leichten und leistungsschwachen Motorrädern nicht weiter ins Gewicht fällt – Grip, Handling und Stabilität überzeugten hier aber vollauf. Ebenfalls beeindruckend war das Haftungsniveau des Reifens bei der Vollbremsung im Nassen. Erst bei fast voll durchgezogener Bremse kam hier das ABS in den Regelbereich und das auch nur für einen ganz kurzen Moment. Wirkt der neue Michelin mit nur 6,5 Prozent Negativprofilanteil optisch eher wie ein Supersportreifen, überzeugte er nichtsdestotrotz auf feuchtem Untergrund.

Agilität und Nassgrip wurden in einem Workshop auf Einsteiger-Motorräder veranschaulicht. Hier konnte der Reifen nicht nur auf dem Handling-Parcours, sondern auch beim Bremstest auf nasser Fahrbahn überzeugen.

Königsklasse
Nachdem die abgespeckte Variante des Power RS auf den Einsteiger-Moppeds einen ersten Eindruck zur Alltagstauglichkeit und zum Nassgrip vermitteln konnte, hieß es anschließend endlich Feuerfrei auf R1, ZX-10R, Panigale und Co. Und auch hier bestätigte sich der positive Eindruck. Nachdem die ersten Runde am Abend gezwungener Maßen noch sehr zurückhaltend verlaufen waren, wuchs nun mit jeder Runde nicht nur die Streckenerfahrung, sondern auch das Vertrauen in den Reifen. Egal, ob beim Anbremsen der ersten Kurve aus knapp Dreihundert am Ende von Start/Ziel, beim Beschleunigen aus tiefer Schräglage aus der langsamen Kurve 6 oder in der sauschnellen Dreifach-Rechts nach der kurzen Gegengerade – der Michelin brillierte dank enormen Grip und bomben Stabilität in allen Lebenslagen und man will nicht glauben, dass es sich hier um einen recht langlebigen Straßensportreifen handeln soll. Wie schon sein sportlicher Vorgänger Supersport Evo zeigt auch der Power RS kein Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage, verwöhnt aber durch noch mehr Feedback und die bereits mehrfach erwähnte Stabilität. Am Ende der heißen Nachtfahrt offenbarte dann aber ein Blick auf die Lauffläche, dass es sich beim Michelin eben doch nicht um einen Rennreifen handelt. Nach 4-5 Turns im Dauereinsatz bei sommerlichen Temperaturen zeigte der Reifen unter schnellen Piloten die Tendenz zum Aufreißen.

Im Kleinen wie im Großen: Der neue Power RS liefert auch bei schneller Fahrt und auf PS-starken Superbikes eine überzeugende Performance.

Tolle Pelle
Nach nur zwei Jahren nimmt Michelin den supersportlichen, aber nur mittelmäßig erfolgreichen Supersport Evo wieder vom Markt und versucht mit dem neuen Power RS an die alten Erfolge anzuknüpfen. Und der Neue hat tatsächlich das Potential, die Konkurrenz ordentlich aufzumischen. Der Power RS ist nicht nur auf dem Papier seinen Vorgängern Power 3 und Evo deutlich überlegen, sondern zeigte auch auf dem schnellen und materialfordernden Losail Circuit, dass er vermutlich mehr kann, als nur die schnelle Feierabend-Runde. Ob er tatsächlich das Zeug zum neuen Klassenprimus hat, muss sich noch zeigen, im Kampf um die Landstraßenkrone und die Käufergunst wird er aber auf jeden Fall ganz vorne mitspielen.

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Eine Antwort auf Michelin Power RS – Michelins Neustart in das Sport-Segment

  1. gerhard fuhrmann

    ich habe wine cbr sc 24 mit 130 ps ich war sehr unschlüssig welchen reifen ich für die saison 2018 aufziehen sollte hab mir alle testberichte von bodo reingezogen und mich dan für den power rs entschieden. die ersten eindrücke waren sehr positiv geradelauf ist super die eigendämpfung ist wesentlich besser wie von meinen vorigen reifen angel gt die erste kurve zügig angefahren und reingebremst eine wucht stabil ohne rühren und sleiden stabil in der schräglage ohne konpromisse und beim rausbeschleunigen eifach spitze. bei nässe ist es mir nicht gelungen das vorderad so zu uberbremsen das es wegrutscht das hintere rad war in der höhe und ich konnte es kaum glauben das das mit diesem reifen möglich ist .

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